Montag, 26. Mai 2014

Gesichter

Gesichter im öffentlichen Nahverkehr
Der Vorteil des öffentlichen Nahverkehrs ist die Begegnung mit Menschen. Ich weiß, dass genau deshalb viele Reisende lieber mit dem Auto fahren - sie scheuen die Nähe zu Fremden. Aber einem aufmerksamen Beobachter bietet sich in Zügen, Bussen, der Straßenbahn und anderen öffentlichen Verkehrsmittlen ein reichhaltiges Betätigungsfeld.
Manche zerfurchten Gesichter alter Menschen erinnern an Studien Vincent van Goghs, die heruntergezogenen Mundwinkel junger Paare lassen eine schwierige Zukunft erahnen, die Trachten multikultureller ethnischer Gruppen machen eine gewöhnliche Fahrt in die Stadt  zu einem bunten Ereignis. 
Hier sitzen die Charaktere noch zu schreibender Bücher. Oft sind sie alle versammelt in einem einzigen Waggon: der stille Held, der weise Mentor, die unglückliche Geliebte, der Verräter aus der Zukunft, der unbedarfte Neuling, das naive Girl, der überforderte Manager und der opportunistische Lobbyist - um nur einige zu nennen.
Wer im öffentlichen Nahverkehr die Augen offen hält, legt mit der Zeit eine interessante Sammlung spannender Persönlichkeiten an. Das schult nicht nur die eigene Beobachtungsgabe, sondern ist für jeden Schriftsteller essentiell. Hinter all den vom Leben gezeichneten Gesichter steckt ein Roman. All die Gesichter sind es wert, betrachtet und beachtet zu werden. Sie verbergen in ihren Furchen und tief eingegrabenen Spuren ihrer Vergangenheit all die Geschichten, die unbedingt noch erzählt werden sollten.

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