Sonntag, 22. Juni 2014

Auf der Suche nach der Zeit der Leser




Ein ehemaliger Chefredakteur der Wochenzeitung "Die Zeit" hat einmal gesagt: "Ganz gleich, welches Produkt jemand verkauft, konkurriert er mit anderen Anbietern weniger um das Geld, als vielmehr um die Zeit der Kunden." Geld lässt sich beschaffen, Zeit nicht. Sie läuft uns allen unweigerlich davon. So gesehen stehen Autoren auch im Wettbewerb mit Kinos, Theatern und Fitnessstudios. Ganz abgesehen von Freunden und Familie, Arbeit und Spielen.
Ein Buch muss es also Wert sein, Zeit darauf zu verwenden. Das ist immer dann der Fall, wenn es seinen Lesern etwas gibt - zumindest mehr als alle Alternativen der Freizeitbeschäftigung.
Was macht den Wert eines Buches aus? Eine eigene Sprache, eine interessante Welt, spannende Unterhaltung - also ein Lesevergnügen, das mitreißt und die Fantasie beflügelt.
Doch da ist noch etwas mehr, eine letzte kleine Notwendigkeit, die jedes gute Buch auszeichnet: eine Aussage, eine Erfahrung, ein Gefühl, die ein Leser aus der Welt der Literatur mit in sein Leben nimmt, die ihn bereichern und begleiten. Denn warum lesen wir Bücher? Weil wir nach Anhaltspunkten suchen, wie wir unser Leben führen sollen. Deshalb träumen wir uns in ein Heldenreich, in eine Romanze, durchleiden wir Dramen und beschäftigen uns exemplarisch mit dem Leben anderer. Wir wachsen mit der Fantasie der Autoren.
Darin liegt die Verantwortung für jeden Schriftsteller. Es muss uns ernst sein, mit dem, was wir schreiben. Wir müssen dafür mit unserem Leben einstehen. Diese Ernsthaftigkeit eines Autors unterscheidet Belletristik von Trivialliteratur. Und natürlich sollte sie für jeden Künstler selbstverständlich sein.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen