Mittwoch, 18. Juni 2014

Fußball literarisch

Geständnis: Ich bin kein Fußballfan. Doch ein Stream von Livekommentaren emotionaler Zuschauer hat literarische Qualitäten. So habe ich zum ersten Mal ein Fußballspiel verfolgt - wenn auch ohne Bilder.
Spannend: Die Menschen lassen vor allem anonym ihren Gefühlen freien Lauf. Da wird gewettert und geschimpft, ermahnt und zur Ordnung gerufen, analysiert und gestritten. Viele sind vollkommen enthemmt, liefern sich anscheinend einen verbalen Schlagabtausch als Ersatz für die Rauferei im Stadion. Dazwischen immer wieder Kommentare von mehr oder weniger prominenten Zeitgenossen, die meist hämisch aufgenommen werden.
Erkenntnis: Es geht gar nicht um Fußball. Das Ereignis ist nur der Auslöser für Emotionen, die sich je nach Persönlichkeit in einem Ausbruch zwischen Gewalt und Geplauder entladen. Die literarische Qualität liegt in der Wahrhaftigkeit der ungefilterten Beiträge. Da schreiben Menschen spontan, was sie fühlen und denken - von Freude über Enttäuschung bis zu Hass. Es ist faszinierend und erschreckend zugleich. Das Spiel wird zu einem Kampf nicht nur auf dem Feld, sondern auch in den Köpfen der Zuschauer. Manchmal bilden sich Allianzen, die jedoch schnell wieder zerfallen.
Beobachtung: Loyalitäten bestehen nicht in der Online-Fußballwelt. Auch die eigene Mannschaft wird brüskiert, ganz gleich wie sie spielt. Es geht immer um individuelle Befindlichkeiten, um die eigene Person. Auf dem Platz gibt es Gegner, außerhalb sind es Feinde, die gedemütigt werden müssen - wie bei einem Computerspiel.
Wir leben in einer interessanten Zeit. Die Menschen teilen ganz offen mit, was sie denken. Darin liegt eine große Chance. Die Chance, ihre Hoffnungen, Träume, Wünsche, Befürchtungen, Sorgen und Ängste anzunehmen.
Das ist die wohl größte Herausforderung für jeden Künstler: Seine Zeit zu verstehen und in sein Werk einfließen zu lassen. Treten wir einen Schritt zurück und beobachten das Geschehen, hören wir einfach zu und erliegen wir nicht der Versuchung, den heutigen Menschen nach dem Mund zu schreiben, um erfolgreich zu werden. Egal welche Richtung, welches Genre, wir sind in unserer Zeit verhaftet und ihr verpflichtet.

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