Montag, 30. Juni 2014

Warum schreiben?

Die längste Zeit seiner Geschichte ist der Mensch ohne das Schreiben ausgekommen. Genau betrachtet, ist Schreiben sogar ein recht unnatürlicher Prozess. Der Autor ist allein, er weiß nicht für wen er schreibt, weil er in den meisten Fällen sein Publikum nicht kennt. Umgekehrt sind auch die Leser allein, während sie sich mit einem Buch beschäftigen. Sie können keine Fragen stellen, nehmen keinen Einfluss auf den Verlauf der Handlung. Kommunikation findet nur in Ausnahmefällen und im Nachhinein statt, wenn Autor und Leser aufeinandertreffen.
Warum dann überhaupt Schreiben? Um aufmerksam zu machen. Zu allen Zeiten und in jedem Teil der Erde haben sich Menschen auf Begebenheiten aufmerksam gemacht, zum Beispiel auf einen Weg oder ein Tier. Sie taten das meist, indem sie darauf deuteten. Schreiben ist im Grunde die moderne Variante, jemanden auf etwas Sichtbares hinzuweisen.
Ein Autor sollte deshalb seine Berufung darin sehen, selbst interessantes zu sehen und seine Leser darauf aufmerksam zu machen. Das scheint vielleicht offensichtlich auf der Hand zu liegen, aber es halten sich nicht alle daran, denn es gibt unterschiedlichste persönliche Gründe für das Schreiben. Viele Autoren wollen einfach ihr Wissen ausbreiten oder suchen nach Ruhm, andere bauen darauf eine Karriere auf oder verstecken Sachverhalte hinter komplizierten Formulieren und langatmigen Aufsätzen. Das alles widerspricht dem wahren Grund des Schreibens, denn es macht Texte intransparent.
Für Autoren, die wirklich etwas aussagen wollen, ist ein Perspektivwechsel notwendig. Sie schreiben in erster Linie nicht für sich selbst, sondern für ihr Publikum. Aber nicht, um ihm zu gefallen. Die grundlegende Idee hinter dem Schreiben ist es, etwas aufzuzeigen, das jeder sehen könnte, würde er nur in die richtige Richtung sehen.
So gesehen wird Schreiben sogar einfacher, denn Menschen sind es seit tausenden von Jahren gewohnt, andere darauf hinzuweisen, was sie wahrnehmen. Autor und Leser betrachten gemeinsam die gesellschaftliche Landschaft um sich herum. Der Leser möchte sehen, die Aufgabe des Autors ist es, ihm etwas aufzuzeigen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen