Montag, 14. Juli 2014

Annabella

Er war ihnen zugelaufen. Eines Tages stand er im Büro und fragte nach Kaffee. Abgerissen, ungepflegt, verwirrt. Sie gaben ihm zu essen und zu trinken. Als er fertig war, blieb er. Sie nannten ihn Hokan, nach einer Notiz, die sie in seiner Tasche fanden. Er redete kaum, aber er war kräftig, geschickt und gutmütig.
Sie ließen ihn mitfahren, wenn sie ihrem Geschäft nachgingen. Manchmal überraschte er sie. Einmal begann er aus einem Roman vorzulesen, von dem sie kein Wort verstanden. Dann erkannte er eine Flasche Wein, die sie wegwerfen wollten, als alt und wertvoll. Meistens ging er aber einfach schweigend seiner Arbeit nach und entrümpelte mit ihnen zusammen Häuser. Sie konnten sich auf ihn verlassen. Als Lohn erhielt er das wenige, das er zum Leben brauchte. Hokan beklagte sich nie.
Der Ablauf war stets gleich: Sie fuhren mit ihrem Lastwagen zu einem Haus, betrachteten es eine zeitlang von außen, malten sich die Schätze aus, die sie finden würden und räumten es dann systematisch aus. Am Abend waren sie meist fertig und enttäuscht, weil sie von dem Plunder, den die Leute zurückließen, kaum satt wurden. Nur selten fanden sie wirklich etwas von Wert. Es war eine Plackerei für ein Leben von der Hand in den Mund.
Manchmal ließen sie Hokan allein, um sich ein wenig zu amüsieren. Das schien ihm nichts auszumachen. Er schaffte sein Pensum auch ohne sie, aber er arbeitete nie für sie mit. Am Anfang hatten sie sich darüber aufgeregt, bis sie einsahen, dass sie von ihm nichts verlangen konnten, was er nicht freiwillig übernahm. Zähneknirschend erledigten sie ihren Anteil, während er Ihnen stumm zusah.
Auf ihre raue Art mochten sie den Kerl und manchmal schenkten sie ihm etwas von dem Plunder, den sie auf Flohmärkten verhökerten. Er nahm es ohne Aufregung und Dankbarkeit. Sie wurden nicht wirklich schlau aus ihm, aber er war ihnen nützlich und so durfte er bleiben. Nach einem Jahr gehörte er praktisch zur Familie. Deshalb überließen sie es ihm mehr und mehr, beim Entrümpeln nach versteckten Schätzen zu suchen. Er brachte ihnen Glück.
So ging Hokan durch jedes Haus und besuchte das hinterlassene Leben anderer. Manche waren alt geworden, einige flüchteten Hals über Kopf aus ihrem Heim. Von allen blieb etwas zurück.
Einem Haus näherte er sich immer gleich: Am frühen Morgen öffnete er die Haustür und schnupperte. Minutenlang nahm er den Geruch in sich auf. Jedes Haus roch anders - streng, nachlässig, aufgeräumt, liebevoll, hasserfüllt, kreativ, abgestorben, voller Lebensfreude, ängstlich. Es gab kaum ein Gefühl, das ein Haus nicht ausstrahlen konnte. Bevor er eintrat, stellte er sich darauf ein, was er vorfinden würde. Der Geruch gab ihm eine Ahnung und er irrte sich selten.
Diesmal nahm er Freude wahr und das verwirrte ihn. Er sog die Luft ein, doch je mehr er atmete, desto größer wurde die Emotion. Es war das erste Mal, dass er keine Tragik spürte. Neugierig trat Hokan ein.
Im Flur stand noch der Geruch nach Schuhen, ansonsten war er leer. Drei halbgeöffnete Türen führten von hier aus ins Innere.
Die Toilette war bis auf eine Seife am Waschbecken ausgeräumt. Ein dunkler Schmutzrand hatte sich an der Keramikschüssel abgelagert. Die silberne Armatur war schmierig und angelaufen. Ein kleines Fenster ließ Licht ein. An der gegenüberliegenden Wand war ein Foto mit einer Stecknadel angeheftet. Es zeigte ein rauchendes Lagerfeuer mitten im Wald. Neben der Spülung hing eine eingerahmte Zierdecke, auf die rote Worte gestickt waren. Hokan machte sich nicht die Mühe sie zu lesen.
Seit er das Haus betreten hatte, fühlte er sich unwohl. Ein Geist schien ihn hier zu begleiten. Vorsichtig ging er tiefer hinein. Er bemühte sich, keine Geräusche zu machen und erschrak über Staub, der in der Sonne tanzte, als er die Küchentür öffnete. Hokan fasste in das Licht. Es war warm und zog in hinein. Töpfe standen auf dem Herd. An einem Schrank hing ein Kalender. Das Wort "Auszug" war umkringelt. Irgendwo unter Mai stand der Name Annabella. Ansonsten waren nur einige unverständliche Zeichen über das Blatt verteilt. Eine heruntergebrannte Kerze lag auf einem weißen Unterteller am Fenster, daneben eine blaue Murmel. Der Garten war vernachlässigt: Unkraut wucherte durch die Fugen der Terrassenfliesen, in Beeten blühte Gras, Büsche breiteten sich ungehindert aus. Nur die Hecke rund um das Grundstück war frisch und sehr tief beschnitten. Hokan durchsuchte die Küche, fand aber außer den Schränken und Geräten, die seine Freunde später ausbauen würden, nichts brauchbares.
Im Wohnzimmer interessierte er sich vor allem für die zurückgelassenen Bücher. Viele russische Autoren und einige Amerikaner, besonders Science Fiction. Spannende Lektüre, aber nicht besonders wertvoll. Ein Paar von den Bänden blätterte er durch. Unterstreichungen, handschriftliche Anmerkungen, mehr zu erraten als zu erkennen. Immer wieder der Name Holger Mertens mit Jahreszahlen aus den 1980er und 1990er Jahren, vermutlich das Kaufdatum. Dahinter manchmal ein Ortsname: Köln, Berlin und Düsseldorf. Hokan legte ausgewählte Bücher für sich auf einen Stapel.
Pflanzen standen noch auf der Fensterbank. Ein Teppich lag im Raum, abgetreten und schmutzig. Die Wände waren abgeblättert und mit Schrammen überzogen. In Ecken hingen Spinnweben. Ein Bilderrahmen lehnte gegen ein Regal. Hokan drehte es um, vielleicht hatte es einen gewissen Wert, dann würden ihn seine Freunde loben. Das Ölgemälde stellte ein ernstes junges Mädchen auf einer Schaukel dar. Es trug ein weißes langes Kleid, hatte hellgelbe Haare, die über Schulter und Rücken fielen. Erschrocken ließ Hokan das Bild fallen. Der Geist verfolgte ihn, das Mädchen starrte ihn an und er hatte das Gefühl, sie schon einmal gesehen zu haben.
Hokan blickte sich um, doch nur sein eigener Schatten huschte über die Wand. Trotzdem fühlte er sich beobachtet. Er rannte gehetzt die Treppe in das obere Stockwerk hinauf. Alle Türen standen offen. Das Bad wirkte hell und freundlich. Hokan sah verstört in den Spiegel. Der Mann kam ihm fremd vor, er öffnete den Mund, als wollte er er etwas zu ihm sagen. Obwohl Hokan nichts hörte, spürte er einen Widerhall in seinem Kopf. Er wandte sich schnell ab.
Im nächsten Zimmer entdeckte er das Foto einer Frau. Auf die Rückseite war in den großen Buchstaben kindlicher Handschrift "Katharina" geschrieben. Hokan lief ein Schauer über seinen Körper. Er spürte, wie der Geist von ihm Besitz ergriff. Dennoch ging er weiter, weil er keine Angst zeigen wollte. Seine Freunde mussten gleich da sein.
Das nächste Zimmer zog ihn an. Er wollte nicht hinein, aber er hatte keine Wahl. Eine Matratze war gegen die Wand gestellt. Irgendwelche Stangen lagen kreuz und quer auf dem Boden. Es stand noch ein Bett darin, der Lattenrost als Gerippe obenauf. Schachteln und Dosen hatten in eingebauten Regalen offensichtlich einen unverrückbaren Platz.
Das Zimmer war klein und eng, aber es schien noch immer ein ganzes Leben zu enthalten. Hokan sah Notizblöcke und beschriebe Zettel, Briefe, Rechnungen und einige Bücher. Alles hatte Bedeutung, aber war nicht mehr wichtig. Lose Enden von Schnüren, die nie wieder etwas verknüpften.
Hokan kniete nieder und nahm aus einer hölzernen Schatulle ein Foto. Er wusste einfach, dass es da war und dass es richtig für ihn war, es an sich zu nehmen. Eine dreiköpfige Familie lachte darauf den Betrachter an, Hand in Hand. Unverstellte Vergangenheit, einfaches Leben. Ein Sandkorn der Geschichte. Auf der Rückseite stand schlicht: Holger, Kathrin, Annabella. Wer weiß schon, was aus ihnen geworden war.
Hokan fühlte den Geist, aber er hatte keine Angst mehr. Er hielt das Foto in seiner Hand, nachdenklich. Ein Bild, das ihm gefiel. Irgendwann hörte er seine Freunde im Erdgeschoss und steckte es in die Tasche. "Ich komme", rief er nach unten, wie er es immer machte.
Einen Moment verharrte er noch - und dachte ein einziges "Vielleicht". Der Geist trug es mit sich, als er das Haus verließ. Hokan ging langsam die Treppe hinunter.
"Hey, wir haben da was entdeckt", schrieen sie ihm aufgeregt entgegen. Sie können einfach nicht leise sein, lächelte Hokan und wusste plötzlich, dass er zu ihnen gehörte.
"Hier, Dein Name steht auf dem Bild." Sie hielten es ihm unter die Nase, aber er ließ sie damit stehen.
"Schon gesehen", sagte er. "Ein lustiger Zufall - das hätte Annabella gefallen."

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