Donnerstag, 3. Juli 2014

Babylonische Sprachverwirrung




Keine zwei Menschen auf der Welt verwenden dieselbe Sprache gleich. Ein Wunder, dass es überhaupt eine Verständigung gibt. Schon das simple Wort "Feier" löst unterschiedliche Erwartungen aus. Ist damit vielleicht ein Essen in größerer Runde gemeint, eine laute Party oder ein spontanes Zusammenkommen irgendwo in der Stadt? Was daraus folgt, sind Missverständnisse.
Sprache ist im Fluss und verändert sich genauso wie Menschen sich verändern. Was meinen zum Beispiel Jugendliche, wenn sie sagen: "Ich gehe Currywurst"? Wollen sie eine Currywurst essen oder holen, haben sie sich vielleicht, haben sie sich vielleicht am Imbissstand verabredet? Wer sich nicht in bestimmten Szenen bewegt, versteht auch die dort übliche Sprache nicht. So wird Sprache zum Ritual, zu einem Gefühl der Zugehörigkeit, aber auch zu einem Instrument der Ausgrenzung.
Eine Aufgabe von Literatur ist es, Sprache hoch zu halten, gut mit Sprache umzugehen, um sie als Ausdrucksmittel und Kulturgut zu bewahren. Gleichzeitig soll sie aber auch Veränderungen aufgreifen, dokumentieren und sogar bei der Entwicklung der Sprache vorangehen. Denn Sprache ist ihr Werkzeug, das immer wieder geschliffen und geschärft werden muss.
Autoren dürfen nicht einfach Alltagssprache übernehmen. Sie müssen ihren Umgang mit Sprache bewusst zelebrieren, um ihren Lesern einerseits das Gefühl von sprachlicher Heimat zu vermitteln, sie andererseits aber sprachlich in neue Welten zu führen und ihnen damit Impulse zu geben.
Es ist Sprache, die Menschen verbindet und trennt. Literatur baut Brücken, um die babylonische Sprachverwirrung aufzulösen.

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