Freitag, 4. Juli 2014

Die Lüge in der Literatur

Schon Johann Wolfgang von Goethe nannte seine Autobiografie "Dichtung und Wahrheit". Der Journalist Egon Erwin Kisch erfand bei seinen Reportagen Personen hinzu und dachte sich griffige Zitate aus, um seine Beschreibungen auf den Punkt zu bringen. Die amerikanischen Autoren Norman Mailer und Tom Wolfe prägten für ihre Form des Reportageromans, in dem sie Recherche mit Ausschmückungen mischten, den Begriff des "New Journalism". Also alles Lüge für spannende Geschichten und zugespitzte Aussagen?
Der Physiker Richard Feynman hat Ehrlichkeit folgendermaßen definiert: "Ehrlich bin ich, wenn ich anderen alle Tatsachen zur Verfügung stelle, die sie brauchen, um sich selbst von einem Sachverhalt ein Bild machen zu können." Nach seiner Ansicht muss aber niemand direkt auf Fehler oder Ungenauigkeiten hinweisen, um nicht zu lügen. Für Literatur bedeutet das: Letztlich muss eine Geschichte schlüssig erzählt sein und alle Tatsachen enthalten, die sie verständlich machen. Ob diese Tatsachen außerhalb der konkreten Handlung vielleicht eine andere Bedeutung haben spielt für den Text keine Rolle. Natürlich darf er keine Tatsachen verfälschen, aber er darf mit ihnen spielen, sie in andere Zusammenhänge stellen, ihnen sogar eine neue Rolle zuweisen.
Literatur lügt allerdings, wenn sie bewusst Tatsachen entstellt oder absichtlich falsch darstellt und damit im Interesse einer bestimmten Meinung beeinflussen will. So beispielsweise zu Propagandazwecken. Die Verantwortung des Autors besteht darin, Leser aufmerksam zu machen, ihnen etwas aufzuzeigen und ihnen damit die Möglichkeit zum eigenen Nachdenken zu geben. Er soll nicht seine Meinung oder die Ansichten anderer als feststehende Wahrheit verbreiten. Auch darin liegt Lüge. Nur wer die offene Auseinandersetzung sucht, ist ehrlich.

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