Mittwoch, 2. Juli 2014

Eintrittskarte zum Glück

Aus einer Laune kaufte sich Jakob Missfeldt einen Lottoschein. Es schien ihm der richtige Zeitpunkt. Denn er hatte seinen Arbeitsplatz verloren und wusste nicht weiter. So ließ er sich erklären, was er zu tun hatte und bezahlte mit seinem letzten Geld die Eintrittskarte zum Glück. Den Zettel faltete er sorgfältig und verwahrte ihn in seinem Portemonnaie.
Doch wenig später reute ihn die Ausgabe schon und zuhause gestand er seiner Frau die Dummheit. „Wenn Du unbedingt das Spielen anfangen musst, dann gewinne aber auch“, sagte sie lakonisch und überließ ihn seinen trüben Gedanken.
Auf dem Tisch im Wohnzimmer lag seine Post und es waren wieder nur Absagen. Macht nichts, sagte sich Jakob Missfeld trotzig, in ein paar Tagen gewinne ich sicher ein paar Euro. In diesem Moment fasste er den Entschluss, sich selbständig zu machen. Wenn mich keiner haben will, dachte er grimmig, zeige ich denen, wen sie sich entgehen lassen.
Zunächst wollte er eine eigene kleine Werkstatt aufbauen. Jakob Missfeldt war gelernter Tischler. Doch dazu hätte er Räume, Werkzeuge und Maschinen gebraucht. Auch wenn ich einige Tausender gewinne, überlegte er, dauert es doch zu lange, bis ich mit dem Verdienen anfange. Da erinnerte er sich an einen Freund, der ihn schon seit Monaten für eine Tätigkeit bei einer Versicherung werben wollte. Leichte Arbeit, schneller Verdienst, war sein Versprechen. Das ist nichts für mich, hatte Jakob Missfeldt stets geantwortet, Geld will hart erarbeitet sein. Warum eigentlich?
Sie trafen sich gleich am Nachmittag. Der Freund erzählte von Ausbildung und Prüfung, alles in allem ein paar Monate. Keine Zeit, redete Jakob Missfeldt, der kaum zugehört hatte, dazwischen, nächste Woche bin ich Lottomillionär, ich brauche nur etwas für den Übergang, weil ich nicht weiß, wann die das Geld auszahlen. Gut, sagte der Freund mit einem unterdrückten Schmunzeln, Du kannst sofort anfangen, aber die Prüfung musst Du nachholen.
Da er schließlich nur ein paar Tage Zeit hatte, legte Jakob Missfeldt tüchtig los. Arbeitsscheu war er noch nie gewesen. Also übte er bei seinen Kumpels und verkaufte ihnen recht erfolgreich private Altersvorsorge. „Ihr müsst euch schnell entscheiden, denn bald bin ich Lottomillionär und dann ist eure Chance vorbei“, drohte er ihnen und alle machten den Spaß mit.
Doch je näher der Tag der Auslosung kam, desto bedrückter wurde Jakob Missfeldt. Was, wenn ich nicht gewinnen werde, fragte er sich, wie geht es weiter? Er lenkte sich von diesem trüben Gedanken ab, indem er noch mehr Menschen noch mehr Versicherungen verkaufte. Sein Freund sagte ihm, sie hätten damit beide nicht nur ein paar tausend Euro verdient, sondern würden auch befördert und könnten so bald noch mehr erzielen. Nicht aufhören, Jakob, nicht aufhören, bat er ihn. Ich mache nur noch solange weiter, bis ich meine Lottomillion habe, dann ist Schluss, antwortete Jakob Missfeldt.
Am Tag der Auslosung hatte er 23 unterschriebene Verträge abgeliefert und elf seiner Kumpels überzeugt, auch in das Geschäft einzusteigen, soviel wie niemand zuvor in der kurzen Zeit. Er sagte sich, vielleicht wäre es durchaus sinnvoll, sein offensichtliches Geschick noch etwas zu nutzen. Für alle Fälle.
Als seine Frau ihn fragte, was denn nun mit dem Lottoschein sei, antwortete er nur, dass er noch nicht nachgesehen hätte. Er vermied es, sein Portemonnaie in die Hand zu nehmen und wenn, dann achtete er darauf, den Zettel im hinteren Fach nicht zu bemerken. Jakob Missfeldt machte einfach weiter. Als seine erste Provision ausgezahlt wurde, kaufte er sich ein neues Portemonnaie und legte das alte zuunterst in eine Schublade.
Eines Tages zeigte ihm einer seiner Kumpel, die er jetzt Geschäftspartner nannte, eine kurze Notiz in der Zeitung. „Lottomillionär hat sich bisher nicht gemeldet“, hieß es darin. In unserer Stadt, deutete der andere mit dem Finger auf der Druckerschwärze in die letzte Zeile der Meldung. Du hast noch immer nicht nachgeschaut, was? Bin nicht dazu gekommen, grummelte Jakob Missfeldt, muss mich ja ständig um euch trostlosen Haufen kümmern.
Zusammen hatten sie Erfolg. Nicht jeder schaffte es, aber viele aus der Gruppe Missfeldt wurden wohlhabend, einige sogar reich. Das bekam nicht allen, es gab Zoff und manche Enttäuschung. Irgendwann gingen die Kumpel aus alten Tagen ihrer eigenen Wege. Es war vorbei, aber Jakob Missfeldt hatte genug auf die Seite gepackt, um unabhängig zu sein. Er richtete sich eine kleine Werkstatt ein und entwickelte die Jakobsschaukel, einen flexiblen Stuhl speziell für Unruhegeister.
Dafür wurde er als erfolgreicher Existenzgründer geehrt. Er nahm die Auszeichnung entgegen, seine Frau saß stolz in der ersten Reihe. Während der Reden blickte er auf sein Leben zurück. Es war nicht immer leicht, aber es ist gut, sagte er sich zufrieden. Dann war es an ihm, eine Frage zu beantworten. „Was ist das Geheimnis Ihres Erfolgs?“ fragte der Moderator eifrig. Jakob Missfeldt antwortete ruhig und vollkommen ehrlich: „Ich habe im Lotto gewonnen.“

Lesen Sie mehr von David Jonathan

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen