Mittwoch, 23. Juli 2014

Männerfreundschaft

„Fehlgeplante Bauruine.“
„Zeichen ignoranter Großmannssucht.“
„Ausdruck inkompetenter Willkür von Politik und Behörde.“
Günther Hassforther stand ein wenig abseits der kleinen Gruppe und musste deshalb sein Lächeln nicht unterdrücken. Die Elbphilharmonie schürte unweigerlich Emotionen. Ein zukünftiges Wahrzeichen, das aktuell ein Symbol der Schwäche einer ganzen Stadt war.

In genau diesem Moment trank Karl Wiegand seinen ersten Klaren. Er saß in seinem Büro und machte sich Vorwürfe. Seit mehreren Jahren verhinderte er die Vollendung der Elbphilharmonie. Eigentlich war er für Planung und Koordination der Baumaßnahmen zuständig. Derzeit bestand sein Job in der Erfindung immer neuer Hindernisse.

Sylvia Cavell war fassungslos. Schon wieder musste sie der Öffentlichkeit eine weitere Verzögerung beim Bau der Elbphilharmonie erklären. Die wievielte? Sie hatte längst aufgehört zu zählen. Es war einfach unglaublich, was da alles schiefging. Aber sie dachte nicht mehr darüber nach, sondern erfüllte ihre Pflicht. Sie war stolz darauf, dass es bei ihr kein Lamentieren gab - Sylvia Cavell war dafür bekannt, dass sie umfassend und ehrlich informierte, nicht mehr und nicht weniger.

Die Fratres coniuncti waren eine informelle Männerrunde. Seit mehreren hundert Jahren trafen sie sich zum Wohle Hamburgs. Darüber waren sie wohlhabend geworden und einflussreich. Sie trafen sich in einem recht unscheinbaren Haus in der Ferdinandstraße. Günther Hassforther ereiferte sich über die Unfähigkeit der Stadt, ein Prestigeprojekt wie die Elbphilharmonie ohne nennenswerte Komplikationen umzusetzen. Der knapp 60-jährige trug einen hanseatisch blauen Anzug, kombiniert mit einer pinkfarbenen Krawatte. Die Gläser seiner Brille waren getönt, auf seiner Oberlippe wuchs ein dünner grauer Bart.
"Eine Schande, wie schlampig die sogenannten Experten der Verwaltung arbeiten."
Weil jeder der Männer sich in der HafenCity engagierte, beschlossen sie, den Senat unter Druck zu setzen. Günther Hassforther war zufrieden und gab auf dem Weg in sein Büro die Anweisung, ein wenig Hoffnung zu verbreiten.
"Bleiben Sie hart in der Sache, aber signalisieren Sie ein mögliches Entgegenkommen. Ein paar unbedeutende Kleinigkeiten könnten unter Umständen ausgeführt werden."

Sylvia Cavell hielt Karl Wiegand für einen nervösen, engstirnigen Bürokraten, seit er bei einer gemeinsamen Pressekonferenz stur darauf beharrte, nichts von seinen Planungen preiszugeben, sondern von den versammelten Journalisten verlangte, sie mögen seiner Fachkenntnis vertrauen. Auf Nachfragen reagierte er gereizt und ausweichend. Die Hände hielt er unter dem Tisch auf seinem Schoß und machte fortwährend aus Streichhölzern Holzspäne, die von ihm abfielen, als er am Ende aufstand. Sie entschuldigte sich für diesen Auftritt.
Deshalb war Sylvia Cavell nicht gerade erfreut, den Mann wiederzusehen, der fast ihre Karriere ruiniert hatte. Aber er setzte sich über Mittag neben sie und sie war höflich genug, sich nichts anmerken zu lassen.
"Die Elbphilharmonie raubt mir den Schlaf", sagte er unvermittelt. "Ob Sie es glauben oder nicht, es geht langsam voran."
"Kann denn bei so einem detailliert geplanten Projekt wirklich alles schieflaufen?"
Sylvia Cavell wusste auch nicht, weshalb sie das fragte. Vielleicht wollte sie sich für seinen Auftritt bei der Pressekonferenz revanchieren. Jedenfalls überraschte sie seine Reaktion. Karl Wiegand wurde nervös.
"Eigentlich ist im engeren Sinne nichts schiefgelaufen", antwortete er, "es gab nur immer wieder unerwartete Hindernisse. Aber jetzt geht es bestimmt voran."
An diesem Nachmittag ließ sich Sylvia Cavell sämtliche Akten zur Elbphilharmonie kommen. Einige waren als geheime Verschlusssache eingestuft, den Rest arbeitete sie bis spät in die Nacht und an den folgenden zwei Tagen gründlich durch. Danach hatte sie den begründeten Verdacht, Karl Wiegand hintergehe dieses für Hamburg so wichtige Prestigeprojekt. Sylvia Cavell informierte ihren Vorgesetzten und die Angelegenheit nahm ihren Lauf.

Das Gästehaus des Senats war eine repräsentative Villa an der Alster. Günther Hassforther liebte es, hier ein und aus zu gehen. Es gab ihm ein Gefühl besonderer Macht, die Vertreter der Stadt in ihrer ureigensten Umgebung zu empfangen. Der Erste Bürgermeister persönlich hatte ihn um diese Unterredung gebeten. Er traf mit seinen wichtigsten Senatoren ein.
„Ich komme gleich zur Sache, Herr Hassforther“, begann der forsche Markus Kleie. „Wir benötigen Ihre Unterstützung.“
Er spürte ihre Not und er wusste, er hatte sie in der Hand.
„Herr Bürgermeister, Sie kennen mich, ich stehe jederzeit für meine Heimatstadt ein.“
In seiner formellen Arroganz lag die ganze Verachtung des hanseatischen Kaufmanns.
„Sie müssen die Elbphilharmonie zuende bauen, bevor sie vollends zum Symbol des politischen Versagens wird.“
„Spätere Generationen werden darüber hinwegsehen.“
Günther Hassforther wusste genau, dass der Bürgermeister seinen Namen mit dem Prunkbau verbinden wollte, aber er liebte das Spiel.
„Wir leben hier und heute. Der Klotz muss fertig werden, andernfalls wird er zum Mühlstein, der uns alle in die Tiefe zieht - Sie eingeschlossen.“
Die kleine Gruppe setzte sich zu einem Imbiss, bei dem entspannt geplaudert wurde.
„Haben Sie schon gehört“, sagte die Kultursenatorin, „der Sohn von Präses Nissen ist Professor geworden.“
„Ach“, rief Günther Hassforther spontan aus, „zum Kaufmann hat es wohl nicht gereicht.“
Das betretene Schweigen fiel ihm nicht weiter auf.
„Zu welchen Bedingungen sind Sie bereit, die Elbphilharmonie zu beenden?“ nahm der Erste Bürgermeister die Verhandlung wieder auf.
„Ich bin nicht käuflich, sondern möchte lediglich einen symbolischen Preis.“
Er zündete im Geist die Lunte und zählte langsam bis drei.
„Das Vorkaufsrecht auf alle Grundstücke, die von der Stadt in den nächsten 50 Jahren veräußert werden.“
Bumm, dachte Günther Hassforther und hörte regelrecht, wie die Bombe platzte. Für diesen Moment hatte er sehr lange gearbeitet und jetzt genoss er ihn in vollen Zügen.
„Sie sind wahnsinnig“, kommentierte Bürgermeister Kleie schmallippig.
"Geschäftstüchtig", antwortete Hassforther, ohne eine Mine in seinem mehrfach verjüngten Gesicht zu verziehen. "Und Ihre letzte Hoffnung."
In diesem Augenblick summte das Mobiltelefon des Bürgermeisters. Er ließ Hassforther stehen und nahm das Gespräch an. Niemand füllte die Lücke aus. Die Senatoren blieben unter sich, bis der Bürgermeister nach einer halben Minute mit entschlossenem Blick zurückkehrte und verkündete, dringende Geschäfte erforderten seine Anwesenheit im Rathaus. Er verabschiedete sich nicht und die Senatoren folgten ihm stillschweigend.

Günther Hassforther war der Moment seines Triumphes verdorben. Das wog für ihn fast schwerer als das vermasselte Geschäft. Vor allem hatte er kein gutes Gefühl mehr bei der Sache. Wenn der Bürgermeister sich herausnahm, ihn verächtlich zu behandeln, lag etwas in der Luft. Etwas, das ihm vielleicht sogar schaden konnte.

Als Sylvia Canell geendet hatte, bedankte sich der Bürgermeister bei ihr und ließ sie gehen.
"Meine Herren", sagte er schließlich nach einem Moment des Schweigens zu den versammelten Senatoren, "wie es aussieht, sind wir nicht so unqualifiziert, wie alle Welt glaubt. Wir wurden hintergangen."
Die Anwesenden waren nur allzu gerne bereit, das zu glauben. Sie machten sich umgehend daran, die Unterlagen zu prüfen.

Günther Hassforther erfuhr recht bald von den Vorgängen im Rathaus. Für ihn war es sehr ärgerlich, Zeit mit der unerwarteten Initiative des Senats zu verlieren. Seine Bauunternehmen warteten darauf, der Stadt ein neues Gesicht nach seinen Vorstellungen zu geben. Der Name Hassforther würde untrennbar auf alle Zeiten mit Hamburg verbunden bleiben. Er beauftragte seinen besten Rechtsanwalt, die Angelegenheit zügig und diskret zu bereinigen.
Weitaus mehr Kopfzerbrechen bereitete ihm, dass er jetzt die drei anderen Familien der Fratres coniuncti in seine Pläne einweihen musste - für den Fall, dass etwas durchsickern würde. Er konnte sich allzu gut die Vorwürfe von Clemens Kreuter vorstellen: "Das verstößt gegen unsere Pflicht, im Hintergrund zu bleiben", hörte er ihn sagen. "Es geht nicht um persönlichen Profit, sondern um das Wohl der Stadt, wie es unsere Vorfahren geschworen haben."
Ja, ja, dachte Günther Hassforther, der heilige Kreuter, der stets korrekte Langweiler, das unausstehliche Gewissen unserer Vergangenheit. Er griff zum Telefon und bat um eine Unterredung.

Bürgermeister Kleie hatte das sichere Gefühl, alles im Griff zu haben und sich endlich von der lästigen Schmeißfliege Hassforther befreien zu können. Viel zu lange saß ihm der unverschämt arrogante Kerl schon im Nacken. Diesmal weise ich ihn in seine Schranken, dachte er gerade vergnügt, als Karl Wiegand ungefragt sein Büro betrat und sich ohne Aufforderung auf einen Stuhl setzte.
"Ich habe gehört, es sollen Anschuldigungen gegen mich vorliegen", sagte er herausfordernd.
"Sie haben den Bau der Elbphilharmonie vorsätzlich und schuldhaft verzögert", antwortete der Bürgermeister in bestem Juristendeutsch und fragte sich, ob sein ungebetener Besucher getrunken hatte.
"Dem widersprechen wir energisch", rief ein dritter Mann, der plötzlich in der Tür stand. "Und wir werden das auch, wenn es sein muss, vor Gericht beweisen."
"Wer sind Sie?" fragte der Bürgermeister hilflos verwirrt. "Und wie kommen Sie in mein Büro?"
"Dieser Herr war so freundlich, mir den Weg zu weisen", nickte der Mann mit einem freundlichen Lächeln. "Ich bin Rainer Lacroix, der Rechtsbeistand dieses von Ihnen zu Unrecht verdächtigten untadeligen Staatsdieners."
Karl Wiegand, der noch nie ein gutes Wort über sich gehört hatte, setzte sich zufrieden zurück.

"Ist Ihnen eigentlich klar, dass Sie eigennützig die Existenz unserer Bruderschaft aufs Spiel setzen", zürnte Kreuter. "Unsere Vorfahren haben geschworen, im Hintergrund zu wirken."
"Sehen Sie es so", entgegnete Hassforther, "manchmal ist die erste Reihe besonders unauffällig, weil jeder vom Rampenlicht geblendet wird."
"Sie riskieren die Arbeit von Jahrhunderten."
"Dann helfen Sie mir, unser Werk zu bewahren."
Es war demütigend für Günther Hassforther, sich auf Augenhöhe rechtfertigen zu müssen, aber immerhin hatte er sich durchgesetzt. Kreuter lieferte ihm wichtige Informationen über Markus Kleie im Gegenzug für eine Beteiligung am Immobiliendeal.

Die Atmosphäre im Büro des Bürgermeister war angespannt. Dort fochten zwei gleichwertige Gegner mit den Waffen von Gesetz und Rechtsprechung. Karl Wiegand war fasziniert von dem sprachgewaltigen Kauderwelsch, der durchaus einen Sinn haben musste. Er vergaß sogar, dass es bei dem Duell um ihn ging.
Irgendwann, nachdem sie die Palette juristischer Spitzfindigkeiten angemischt hatten, standen sich die beiden Kontrahenten in einem Patt gegenüber. Der Bürgermeister bestand auf einer sofortigen Entlassung Wiegands, Rechtsanwalt Lacroix drohte mit Klage. Keiner wollte den Fall aber ans Licht der Öffentlichkeit zerren.
"Lassen Sie mich kurz telefonieren", entschuldigte sich der Bürgermeister und Rainer Lacroix nickte zustimmend, als sein Mobilgerät stumm im Jackett vibrierte.
Nach ihren Telefonaten standen sie sich erneut gegenüber und der Rechtsanwalt bat um ein Gespräch unter vier Augen.
"Sie wollen sicher nicht, dass Ihre Staatsgeheimnisse den Raum verlassen", sagte er entspannt zum sehr geehrten Herrn Bürgermeister.

Sylvia Carvell hatte wegen ihrer Aussage gegen ihren Kollegen ein schlechtes Gewissen. Sie konnte sich nicht auf die Arbeit konzentrieren, ging nicht ans Telefon und starrte die ganze Zeit aus dem Fenster. Sie einzige Frage, die Sie sich stellte, war: Soll ich zu ihm gehen und mich entschuldigen? Letztlich fand sie nie eine Antwort darauf, weil ihr die Ereignisse zuvorkamen.

Eine eilig einberufene Pressekonferenz löst unter Journalisten immer gehörige Aufregung aus, weil sie ungewöhnliche Verlautbarungen erwarten dürfen. Es wurde über eine Neuordnung des Senats spekuliert, sogar über den Rücktritt des Bürgermeisters und einen endgültigen Baustopp für die Elbphilharmonie. Die Neuigkeiten waren gegenüber den aufgeregten Spekulationen im Vorfeld schließlich enttäuschend. Ein neuer Staatsrat in der Baubehörde, der die Elbphilharmonie mithilfe eines anonymen Investors zeitgerecht zu Ende bauen sollte, war eine Kurzmeldung höchstens auf Seite vier. Niemand machte sich besondere Mühe nachzufragen.

Die Abberufung der Pressesprecherin seiner Behörde erledigte Staatsrat Karl Wiegand zwischen zwei Gläsern Portwein mit einem eleganten Schwung des zur Beförderung erhaltenen Füllers von Montblanc. Diese Sylvia Carvell hatte ihm sowieso nie gepasst. Sie war im Gegensatz zu ihm einfach unfähig, etwas richtig zu machen. Er lehnte sich zurück und begann damit, die Fehler in der Planung der Elbphilharmonie zu korrigieren. Was für ein Prachtbau, grinste er äußerst zufrieden.

Nur drei Menschen wussten, was den Bürgermeister dazu bewogen hatte, Hassforthers Bitte zu entsprechen. Sie schwiegen, weil Markus Kleie für Hamburg ein viel zu bedeutender Politiker war, um schon jetzt auf ihn zu verzichten. Entscheidend war wie immer allein das Wohl der Stadt. Persönliche Erwägungen mussten dahinter zurückstehen.

Der Erste Bürgermeister ging an der sonnigen Alster spazieren. Er traf seine Nichte, die ihm für ein paar Stunden von seiner Schwester anvertraut wurde. Heute würde er dem Mädchen die Elbphilharmonie zeigen, damit sie begriff, was für ein bedeutender Mann er war. Der Jogger drückte auf den Auslöser seines Smartphones. Für alle Fälle, dachte Günther Hassforther später. Ihre Männerfreundschaft bedurfte eigentlich keiner Beweise.

Diese Kurzgeschichte spielt in der erzählerischen Welt des "Jahrhundertspiel". Den gleichnamigen Thriller gibt es unter anderem bei Amazon.

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