Sonntag, 20. Juli 2014

Grandioses Theater

"Ist das nicht Jochen?"
„Wo denn?“
„Na da, drei Reihen vor uns.“
„Ja, das könnte er sein.“
„Aber er sieht irgendwie anders aus.“
„Und wer ist die Frau neben ihm?“
„Jedenfalls nicht Sylvia.“
Tina und Matze, ein Ehepaar in den besten Jahren, wie es so schön heißt, waren irritiert. Ihr Freund Jochen hier im Theater? Der hat doch nichts mit Kultur am Hut. Andererseits sah es schon so aus. Das waren eindeutig seine grauen Haare, in denen seine Brille steckte und auch der Schnauzer zierte seiner Oberlippe, als er sich der Unbekannten zuwandte.
„Was sollen wir jetzt machen?“ fragte Tina nach einer Zeit, in der sie den Mann vor ihr stumm angestarrt hatte.
„Vielleicht gehe ich zu ihm und sage einfach Hallo“, schlug Matze vor.
„Auf keinen Fall“, hielt Tina ihn entsetzt am Arm fest. „Dann können wir nicht mehr so tun, als hätten wir ihn nicht gesehen.“
„Wir haben ihn doch auch gesehen.“
„Wie könnt ihr Männer nur so naiv sein?“ warf sie ihm vor und brachte die Logik dann auf den Punkt: „Wenn wir Jochen begrüßen, bringen wir ihn wegen der anderen Frau in Verlegenheit, aber vor allem wird er uns sagen, dass wir Sylvia nichts davon erzählen dürfen und dann helfen wir ihm, sie zu hintergehen, was an sich schon schlimm ist, weil wir dann zwischen den beiden stehen. Wenn es Sylvia aber irgendwann herausbekommt und sie uns fragt, ob wir davon wussten, sagen wir natürlich nein, wohingegen sich Jochen aller Voraussicht nach damit verteidigen wird, dass er die andere überhaupt nicht verheimlicht hat, weil wir schließlich zusammen im Theater waren und schon sind wir an der Trennung der beiden Schuld."
Matze, der zwar Tina nicht folgen konnte, dafür aber ihren gemeinsamen Freund beobachtet hatte, bemerkte gerade noch rechtzeitig, dass der im Begriff war, sich zu ihnen umzudrehen. Er drückte seine Frau mit dem Kopf voran hinter die Vordersitze und tauchte neben ihr ab. Unbequem hingen die beiden zwischen den Reihen.
"Guckt er noch?" hauchte Tina.
"Weiß ich nicht. Soll ich nachsehen?"
"Und wenn er noch herschaut?"
"Dann sieht er nur zwei Hintern ohne Kopf."
Sie kicherten bei diesem kuriosen Gedanken.
„Warum verstecken wir uns eigentlich?" fragte Matze. "Ist doch nicht unser Problem."
Tina seufzte. Nie hörte er ihr zu. Aber ihr Rücken schmerzte und sie bemerkte, wie ihre Sitznachbarn tuschelten. Deshalb setzte sie sich wieder auf. Jochen nickte dieser fremden Frau zu.
"Meinst Du, er hat uns gesehen?"
Matze schüttelte den Kopf.
"Kann ich mir nicht denken."
Die Vorstellung begann, aber beide hatten fast nur Blicke für ihren Freund. Der sah die ganze Zeit auf die Bühne und hielt dabei die Hand dieser Frau. Was dachte er sich nur? Ohne es aussprechen zu müssen, waren Tina und Matze gemeinsam ehrlich empört. Nach diesem Affront brachten sie es einfach nicht mehr fertig, sich auch nur ansatzweise zu berühren. Das Stück ging an ihnen vorbei und sie verstanden nicht, wie das Publikum über etwas dermaßen Trostloses lachen konnte.
Eine endlose Stunde saßen sie unruhig auf ihren Plätzen und dachten geradezu verzweifelt daran, wie sie eine Begegnung mit Jochen vermeiden konnten. Dann kam die Pause. Sie sprangen auf, versuchten zu fliehen, aber sie steckten in ihrer Reihe fest. Umständlich nahm eine ältere Dame ihre Handtasche und verstaute in aller Ruhe ihre Brille. So wurde es unmöglich für Tina und Matze, Jochen nicht zu begrüßen.
Sie sahen sich traurig an, dann blickten sie entschlossen in den Gang, gerade als der Mann an ihnen vorbei ging, der nicht Jochen war. Aus der Nähe ähnelte er mehr einem Walross, träge und dick mit einem herunterhängenden fransigen Schnauzer.
Überrascht und erleichtert begrüßten sie den Fremden. Er reagierte erstaunt und blickte sich mehrmals misstrauisch um, beschloss dann aber, dass es sich wohl um eine Verwechslung handeln musste. Tina und Matze fielen sich in die Arme, sie lachten überschwänglich vor Glück. Die alte Dame beeilte sich, ihre Handtasche zu packen, sah sie vorwurfsvoll an und bewegte sich eilig in Richtung Ausgang.
Die zweite Hälfte des Stückes war ein grandioses Spektakel. Tina und Matze amüsierten sich prächtig. Die alte Dame rückte pikiert von ihnen ab und hielt ihre Handtasche fest auf ihrem Schoß. Am Schluss applaudierten sie frenetisch und forderten laut eine Zugabe. Der Mann, der nicht Jochen war, drehte sich zu ihnen um und stimmte freundlich in ihren stürmischen Beifall ein.
Schließlich verließen sie gut gelaunt das Theater. Alles in allem ist dieser Mann, der nicht Jochen war, doch durchaus sympathisch, dachten beide und verabschiedeten sich herzlich von ihm. Er hielt sie für ein wenig seltsam, winkte ihnen aber dennoch freundlich zu. Von der alten Dame sahen sie nur noch die Handtasche in der Menge verschwinden und lachten über das, was die Frau von ihnen denken mochte.
Sie gingen ausgelassen beschwingt Hand in Hand nach Hause, Blicke nur für sich selbst. Insgesamt haben wir, dachten sie, einen der besseren Abende erlebt, ein richtiges Erlebnis.
Der Mann, der ihnen unachtsam zwischen die Beine lief, entschuldigte sich sofort. Kein Problem, riefen sie und versuchten sich schnell wieder von ihm zu lösen. Doch die Frau an seinem Arm stand ihnen im Weg. Deshalb traten sie einen Schritt zurück, um sie zu umrunden. Dabei sahen Tina und Matze, dass die Frau ihr Gesicht unter ihren Händen verbarg. Sie erstarrten und hielten sich fest.
„Bitte“, flüsterte Sylvia hinter ihren Händen hervor, „sagt davon nichts Jochen.“

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