Samstag, 12. Juli 2014

Zwei Gesichter

Die Frau hatte zwei Gesichter: Eines voller Freundlichkeit und Charme. Wenn sie sich unter Menschen befand, knipste sie es an. Eine strahlende Frau, alterslos, bewundert und im Mittelpunkt. Beschwingt bewegte sie sich durch die Menge, die nur für sie einen Blick hatte.
Unbeobachtet zogen sich ihre Mundwinkel herab, ihre Augen verloren allen Glanz und sie wirkte deplatziert inmitten der amüsierten Gesellschaft. In diesen Momenten blieben die Menschen ihr fern und sie stand allein an einem der Tische. Um Fassung ringend, gealtert, erstarrt in ihrer geraden Haltung.
Sie kam mit Freunden und ging allein. Langsam und unsicher auf dem Kopfsteinpflaster. Doch mit jedem Schritt bemüht, ihrer Erscheinung Ausstrahlung abzuringen. Zweimal knickte sie leicht ein, dann verschwand sie hinter einem Haus. Ihr Tisch blieb noch eine zeitlang leer. Dann stellte sich ein übergewichtiger Mann mit künstlich gewellten Haaren dorthin und winkte andere heran.

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