Freitag, 22. August 2014

Der unangenehme Nachbar

"Guten Morgen", sagte Winfried Klee zu seinem unangenehmen Nachbarn. "Darf ich hereinkommen?"
Der unangenehme Nachbar war zu überrascht, um abzulehnen und meinte nur: "Erwarten Sie nicht, dass ich Ihnen etwas anbiete."
"Keine Umstände", entschuldigte sich Winfried Klee. "Ich möchte Sie nur bitten, mein Freund zu werden."
"Ihr Freund?"
Der unangenehme Nachbar baute sich in seiner vollen Leibesfülle vor dem schmächtigen Winfried Klee auf.
"Sie machen da oben ständig Lärm, scheppern mit den Mülltonnen, rennen die Treppe mit stampfenden Beinen hoch, schreien draußen lauter als die bescheuerten Kinder, grüßen immer freundlich und sind zudem auch noch andauernd gut gelaunt." Sein Gesicht lief vor Ärger rot an als er ausrief: "Und da soll ich Ihr Freund werden?"
"Es war nur so eine Idee", sagte Winfried Klee kleinlaut. "Wo Sie doch sonst keine Freunde haben."
Er bekam keine Antwort von seinem unangenehmen Nachbarn, weil genau in diesem Moment ein kleiner Ball gegen die Fensterscheibe schepperte.
"Diese Kinder!" schrie der unangenehme Nachbar.
Er öffnete das Fenster und säuselte mit einem süßsauren Lächeln: "Das war aber ein guter Wurf, Kinder. Könnt ihr auch so fest gegen die Tür werfen?"
Das stärkste Kind nahm den Ball fest in seine Hand und warf mit all seiner Kraft gegen die Tür. Er knallte laut gegen das Holz und sprang zurück.
"Hervorragend", lobte der unangenehmen Nachbar. "Schaffst Du es auch, mich zu treffen?"
Das Kind holte aus, zielte und warf. Tatsächlich hätte es den unangenehmen Nachbarn getroffen. Doch der fing den Ball geschickt auf, schloss das Fenster und ging triumphierend in den Raum zurück. Dort nahm er einen großen Bastkorb aus einem Regal und legte den Ball auf einen Berg von Spielzeug.
"Alles lärmendes, unnützes Teufelszeug", stellte er grimmig fest. "Sie sehen, wie ich für Ruhe und Ordnung sorge", sagte er provozierend zu seinem Besucher.
"Ich sehe, dass Sie ein guter Mensch sind", antwortete Winfried Klee mit einem seligen Lächeln. "Deshalb wünsche ich mir umso mehr, dass Sie mein Freund werden."
"Ein guter Menschen?" brüllte der unangenehme Nachbar fassungslos. "Ich? Wie kommen Sie denn darauf."
"Na ja, vermutlich haben Sie die armen Kinder gerettet."
Der unangenehme Nachbar verstand die Welt nicht mehr, aber Winfried Klee fuhr euphorisch fort.
"So ein Ball ist ein gefährliches Spielzeug. Früher oder später springt er zu weit, wird nicht gefangen und rollt auf die Straße. Dann laufen die Kinder aufgeregt hinterher, vergessen nach links und rechts zu schauen, übersehen das Auto, während sie nur Blicke für den Ball haben, der sie auf die Fahrbahn lockt. Im Wagen telefoniert der Chauffeur gerade mit seiner Frau, regt sich fürchterlich auf und sieht die Gefahr viel zu spät. Natürlich fährt er zu schnell, bremst zu ungeschickt und dann ist es passiert. Nur der Ball rollt unversehrt zurück. Ein tragischer Unfall, das fröhliche Lachen der Kinder für immer verstummt."
Der unangenehme Nachbar wirkt nachdenklich.
"Das alles könnte passieren?" fragt er leise. "Darüber habe ich nie nachgedacht."
"Aber Sie ganz allein haben das Unglück verhindert", strahlt Winfried Klee. "Ich bin stolz darauf, so einen heldenhaften Menschen zu kennen."
Bewegt schüttelte er dem unangenehmen Nachbarn die Hand. Der machte sich nach einem Moment der inneren Einkehr abrupt los, lief zum Korb, nahm den Ball, riss das Fenster auf und warf ihn in hohem Bogen den Kindern zurück.
"Spielt schön und denkt daran", rief er ihnen zu, "immer möglichst kraftvoll und weit zu werfen. Auf der Straße ist heute kaum etwas los."
Grinsend schloss er das Fenster.
"Ich werde dann wieder gehen", sagte Winfried Klee. "Es war sehr schön bei Ihnen. Kommen Sie doch gelegentlich bei mir vorbei."
"Das werde ich ganz bestimmt nicht", polterte der unangenehme Nachbar, der nicht sicher war, was er gerade erlebt hatte.
"Vielen Dank und auf Wiedersehen", verabschiedete sich Winfried Klee. Mit einem Lächeln auf den Lippen verließ er die Wohnung des unangenehmen Nachbarn.

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