Freitag, 29. August 2014

Die leere Seite

Versprechen, Herausforderung, Drohung - die leere Seite ist für jeden Autor eine Last. Ganz besonders die erste leere Seite einer neuen Geschichte. Sie bietet unendliche Möglichkeiten zu erzählen, alle Freiheiten der Fantasie. Doch mit dem ersten Wort, das sie aufnimmt, verwandelt sie sich in eine Seite, die aus der Vielfalt herausgerissen wird. Sie dient fortan - wie alle folgenden Seiten - nur noch den Gedanken des Autors.
Doch dieser kurze Moment, bevor die leere Seite zum ersten Mal beschrieben wird, ist der Moment ihres größten Versprechens und aller Hoffnungen auf eine wirklich gute, neue, ungewöhnliche Geschichte. Es ist ein Moment der Konzentration, der Unsicherheit und des Nachdenkens. Der Stift setzt an - und wird noch einmal beiseite gelegt. Die Finger legen sich auf die Tastatur - und verharren untätig. In der Unentschlossenheit liegt die Angst des Autors vor der Einengung. Das leere Blatt ist ein Symbol der Fantasie des menschlichen Denkens. Das allererste Wort nimmt ihm einen Teil seiner Kraft und vor allem dem Mythos der grenzenlosen Weite. Ein beschriebenes Blatt Papier dient einem Zweck, erfüllt eine bestimmte Funktion, erzählt nur eine Geschichte. Das leere Blatt hat noch alle Optionen. Deshalb verharren Autoren davor und erahnen für einen kurzen Moment eine Vorstellung von Unendlichkeit.

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