Montag, 4. August 2014

Die Stimme

Heute gibt es eine Leseprobe aus dem ersten Kapitel meines neuen Romans "Hide". Viel Spaß!

Es musste ein analoges Telefon sein. Das war Teil des Auftrags. Pressnik verstand diese Bedingung als Test. Er war darüber nicht erfreut, denn es bedeutete Mehraufwand und sehr wahrscheinlich kündigte sich damit auch noch ein komplizierter Job an.
Keine Zeit mehr für Megathron. Sein Lieblingsprojekt lag schon eine Weile auf Eis, weil ihm die Ideen ausgegangen waren. Wie sollte es auch möglich sein der globalen "Charta Transparency International" etwas entgegenzusetzen? Er träumte von einer neuen Welt, in der niemand mehr von einem anderen Menschen wusste als der freiwillig preisgab. Zu Beginn des Informationszeitalters hatte man das Datenschutz genannt. "Diese archaische Verhinderung des offenen Flusses aller Gedanken und Ideen behinderte die Entwicklung der Menschheit bis weit in das 21. Jahrhundert hinein nachhaltig", analysierte ein Geschichtsblog, den Pressnik für seine weltbürgerliche Ausbildung abonniert hatte. Das entbehrt nicht einer gewissen Logik, dachte Pressnik jetzt, während er sich von einem der kostenlosen selbstfahrenden Taxis zum Bahnhof bringen ließ. Die Werbung im Fahrgastraum ignorierte er weitgehend. Den Jingle, der beim Ein- und Aussteigen ertönte, kannte er allerdings nur zu gut: Neumann Entertainment Limited, sein alter Arbeitgeber, der die globale Softwareindustrie steuerte. Er lachte: Sie waren nicht wirklich zufrieden mit mir.
Manches veränderte sich allerdings nur sehr langsam. So waren Bahnhöfe schon seit Jahrhunderten Zufluchtsorte für Menschen, die unerkannt untertauchen wollten. Die Masse schützte das Individuum. Pressnik passte sich der Geschwindigkeit des Stroms an. In einer einzigen großen Welle ließ er sich zu Gleis neun treiben. Die Logik der produktiven Transparenz wird jedoch zur Angst vor Kontrolle, dachte er und rückte seine Datenbrille ein wenig zurecht, sobald man versteht, dass wirklich alle Gedanken gemeint sind.
Wie auf jedem Bahnhof der Welt war es auch hier ein wenig schäbig. Seit der großen Energieredundanz des Jahres 2035, bei der die Regierungen einstimmig alle Energieformen als wissenschaftlich unbedenklich einstuften und den Klimaschutz zur überkommenen Idee des ausgehenden Industriezeitalters erklärten, hatten sich die Ballungsräume zwar zu wahren Oasen entwickelt, deren Lebensadern transkontinentale Stromkabel waren, die aus Erzeugerländern gespeist wurden. Die Erderwärmung erreichte angenehme vier Grad und Unruhen durch Evakuierungen in Küstennähe waren längst überwunden. Doch Bahnhöfen blieb die Nostalgie des Abschieds und des Aufbruchs gleichermaßen anhaften, auch wenn kaum jemand seinen Wohnort noch für länger verließ. Die Züge verbanden vor allem die Knotenpunkte der Megazentren, in die alle Kontinente aufgeteilt waren. Wer zwischen diesen Megazentren reisen wollte, benötigte eine Sondergenehmigung. Üblich waren virtuelle Kontakte. "Persönlich regional, virtuell global", lautete die Etikette im Umgang miteinander. Jeder vermied den direkten Kontakt mit Fremden.
Das kam Pressnik im Moment sehr gelegen. Er war genau hier, weil Gleis neun einen zweiten Zugang hatte. Der war irgendwie vergessen worden und eignete sich dementsprechend, um vom Radar der globalen Transparenz zu verschwinden. Zwar unternahm er im eigentlichen Sinn nichts Verbotenes, aber seine inzwischen 35-jährige Lebenserfahrung hatte ihn gelehrt, besser vorsichtig zu sein. Vertrauensvolles Verhalten führt manchmal zu unerwünschten Ergebnissen, dachte er grimmig an seinen alten Job zurück. Nachdem er in einige Programme die Möglichkeit anonymer Nutzung programmiert hatte, gab es heftige Auseinandersetzungen, obwohl er bei jeder Teambesprechung seine Arbeit offen dargestellt hatte. Das Unternehmen genehmigte ihm sogar einen Test. Nur dass er dafür seinen Code auf alle relevanten Systeme lud und die neue Möglichkeit von Millionen Nutzern begeistert akzeptiert wurde. Es kann schon sein, dass ich meine Kompetenzen großzügig ausgelegt habe, grinste Pressnik, aber die Nerds stimmten mir zu. Was keine Rolle spielte, als er mit einem gut sichtbaren Vermerk in seiner öffentlichen Lebensakte entlassen wurde. Früher ließ die Obrigkeit Betrügern die Ohren schlitzen und Dieben die Hände abhacken, erinnerte er sich. Wir haben uns echt weiterentwickelt.
Pressnik deponierte seine Datenbrille in einem Mauerspalt neben dem schmalen Tunnel, der auf einen Hinterhof führte. Damit verließ er Gleis neun für das virtuelle System nicht. Niemand sah ihn verschwinden. Im Gang setzte er sich Kontaktlinsen der neuesten Generation ein, die über mehr Funktionen verfügten als die alten Brillen und Daten wesentlich schneller verarbeiten konnten. Er hatte die Linsen bei Neumann Entertainment Limited mitgehen lassen und ihr Interface so manipuliert, dass sie nichts mehr über ihn verrieten. Praktisch war er unsichtbar, eigentlich nicht existent, denn er konnte sich weder ausweisen, noch bezahlen oder irgendwie sonst in der virtuellen und realen Welt interagieren. Doch das interessierte ihn jetzt nicht, für seinen Auftrag zählte einzig Diskretion.
Während er den Bahnhof über ein altes Betriebsgelände verließ, dessen Asphalt von Gräsern und Bäumen aufgebrochen wurde, dachte er an die Bedingung, ein analoges Telefon für den Kontakt zu verwenden. Pressnik kannte nur ein einziges dieser urzeitlichen Geräte. Es stand im technischen Museum und man konnte damit, soweit er wusste, innerhalb des Gebäudes Gespräche führen. Die Qualität der Sprachübertragung war allerdings so schlecht, dass man sich damit kaum verständigen konnte. Eigentlich war es ein ständiges Rauschen und Knacken.
Eine schwache blaue Linie wies Pressnik auf der Straße virtuell den Weg zum Museum. Niemand sonst war unterwegs, weil sowieso kaum noch jemand zu Fuß ging. Die Straßen gehörten Beförderungsmaschinen, die zwar volkstümlich Autos genannt wurden, aber keinerlei Ähnlichkeit mehr mit den Fahrzeugen des 21. Jahrhunderts aufwiesen. Ihnen zu begegnen war lebensgefährlich, weil sie weichen Hindernissen prinzipiell nicht auswichen. Der andere Grund, weshalb es nicht ratsam war, sich allzu lange auf einer Straße aufzuhalten, war die Zweite Gesellschaft. Manche leugneten zwar ihre Existenz und verbannten sie in das Reich des Aberglaubens und der albtraumhaften Schauergeschichten, denn niemand bekam sie je zu Gesicht. Tatsache aber ist, dass die Menschheit sich gespalten hat, als vor rund 200 Jahren die Megazentren entstanden. Einzelne Gruppen sollen sich damals geweigert haben, die Regionen außerhalb der Ballungsräume aufzugeben und besondere Erzeugerländer für den massiven Energiebedarf der Zentren einzurichten. Der Legende nach siedelten sie sich in den Zwischenwelten an. Als die Zentren aber immer weiter zusammenwuchsen und der Lebensraum außerhalb zu klein wurde, lernten sie unsichtbar in den Metropolen zu leben. An dieser Stelle wird ihr Dasein zur Legende. Viele Autoren wissenschaftlicher Abhandlungen gehen davon aus, dass der abgespaltene Teil der Menschen circa 100 Jahre nach seinem Auszug aus den Städten ausgestorben ist. Die Belastung der Umwelt außerhalb der Zentren durch Strahlung, Gifte und Klimaveränderung sei zu groß, als das Menschen dort dauerhaft überleben könnten. Doch die Gerüchte von der Zweiten Gesellschaft hielten sich dennoch hartnäckig. Deshalb wurde auch immer wieder behauptet, Regierungen streuten das Gerücht, um die Bevölkerung zu disziplinieren.

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