Samstag, 6. September 2014

Erzählen von Geschichten

Gelegentlich werde ich gefragt, wie meine Geschichten entstehen, woher ich die Ideen nehme und wie der Prozess des kreativen Schreibens funktioniert. Ich glaube, die Grundvoraussetzung jeder Kreativität ist extrem große Neugier. Von vielen berühmten Autoren ist bekannt, dass sie ihre Beobachtungen in Notizbüchern festhielten, die sie stets bei sich trugen. Andere ließen sich von Gegenständen inspirieren, die sie regelrecht sprachlich sezierten.
Den ersten Anstoß zu meiner Kurzgeschichte Nette Jungs erhielt ich, als mir drei Trinker auffielen. Ich habe diese kurze Begegnung zwar nicht in einem klassischen Notizbuch festgehalten, aber in einer App namens Notability auf meinem iPad. Dabei hatte ich noch keine Vorstellung, was ich damit anfangen könnte. Ich fand die kleine Szene einfach interessant. Sie ging mir nicht mehr so recht aus dem Kopf und irgendwann erinnerte mich daran, dass ein Kommunalpolitiker einmal äußerte, die Trinker seien im Grunde ein Gewinn, weil sie sich meist ordentlich benähmen und Dealer fernhalten würden. 
Dann las ich von der selbsternannten sogenannten Scharia-Polizei. Anscheinend eine Gruppe mit eigenen Regeln und Vorstellungen - ähnlich wie die Trinker. Allerdings auch mit einem aktiven Anspruch auf Überzeugung und Bekehrung. Unwillkürlich fragte ich mich, was wohl geschehen würde, wenn beide Gruppen aufeinander träfen. 
Darüber dachte ich ein paar Tage nach. Um eine Geschichte schreiben zu können, benötige ich zumindest den ersten Satz, nach Möglichkeit sogar den ersten Absatz. Solange ich den nicht im Kopf habe, muss ich mich nicht zum Schreiben hinsetzen. Ich denke in Bildern, also entwerfe ich eine Geschichte Szene für Szene. Natürlich verändern sich die Bildfolgen noch beim Schreiben, aber der Grundaufbau steht.
Letztlich ist das Schreiben das notwendige Handwerk für mich, um meine Geschichten Lesern zugänglich zu machen. Darüber hinaus zwingt es mich zum genaueren Überlegen und dazu, meine Gedanken auf den Punkt zu bringen. Doch meine Geschichten entstehen allein in meinem Kopf. Sprache ist das Medium, Ihnen Leben einzuhauchen: Emotionen, Bewegung, Gerüche, Geschmack und Geräusche. Das Erzählen von Geschichten macht den Monolog des Nachdenkens zu einem Dialog mit den Lesern. Denn jede Geschichte ist nicht mehr und nicht weniger als eine Anregung für das eigene Denken und Erleben.
Deshalb habe ich auch Hide als Fortsetzungsroman konzipiert. Hierbei haben alle Leser durch ihre Rückmeldung die Möglichkeit, auf die Entwicklung der Handlung einzuwirken. Ich liebe den Austausch, denn er zeigt mir immer wieder aufs Neue die Vielseitigkeit des menschlichen Denkens - und macht mir die Schwierigkeiten bewusst, sich so auszudrücken, dass andere wirklich die Bilder sehen, die man selbst im Kopf hat.
Darum geht es letztlich auch in der Kurzgeschichte Nette Jungs. Was sind eigentlich die Gründe, dass viele Menschen sich nicht verstehen?

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