Donnerstag, 4. September 2014

Kultureller Fluch

Kultur ist die gesellschaftliche Gemeinsamkeit einer Generation. Die Menschen lachen noch nach Jahrzehnten über die gleichen Witze, kennen dieselbe Werbung und Musik. Dieses kulturelle Gemeinschaftserlebnis schafft durch die Identifikation eine innere Verbindung. Vollkommen fremde Menschen finden darüber einen Draht zueinander, genießen so einen Theaterbesuch miteinander oder finden gemeinsame Themen in einer Kneipe.
Diese Prägung ist ein kultureller Fluch. Niemand kann sich dem entziehen. Wenn jemand ein Lied summt, wissen alle Umstehenden sofort den Titel, können oft sogar den Text mitsingen. Ob wir wollen oder nicht: wir sind über die Zeichen und Symbole unserer Zeit untrennbar miteinander verbunden. Deshalb müssen wir uns in anderen Ländern und Kulturen auch neu orientieren - dort kennen wir diese Zeichen und Symbole nicht und fühlen uns dadurch unsicher. Angst vor allem Fremden rührt daher, dass wir nicht neugierig nach Anregungen greifen und lernen möchten, sondern uns verschreckt zurückziehen. Es ist wie im Dunkeln: Wir haben Angst, weil wir nichts sehen und unsere Sinne nicht weiterhelfen. Genauso fürchten wir uns, wenn wir unsere Umgebung nicht oder nicht mehr verstehen.
Doch genau darin liegt auch die Chance des kulturellen Fluchs der großen gesellschaftlichen Gemeinsamkeit. Wir sollten uns heraus begeben, um etwas Neues kennenzulernen. Denn allzu große Gemeinsamkeit - und vor allem das Verharren in Gemeinsamkeit - führt zu einer Erstarrung und letztlich zum kulturellen Stillstand. Das Verdienst von Künstlern und Querdenkern ist es gerade, dass sie uns aus unserer Lethargie herausreißen und uns zum Nachdenken zwingen. Wer anders denkt, wird zwar meist zunächst verächtlich herabgesetzt und nicht ernst genommen. Doch ohne diese mutigen Impulse gäbe es keine Entwicklung. Wie bekannt, ist die Masse träge - aber sie bewegt sich doch, wenn auch recht langsam.
Die gesellschaftliche kulturelle Gemeinsamkeit wird erst dann zum Fluch, wenn sie das Denken blockiert und wir alle nichts verändern wollen, weil wir in nostalgischen Erinnerungen schwelgen. Doch sie kann auch eine Stärke sein, um gemeinsam voranzugehen, etwas Neues zu wagen.
Die Aufgabe von Künstlern und innovativen Menschen ist es, Wege aufzuzeigen und gewohnte Denkstrukturen zu durchbrechen. Es ist schwer, aber durchaus möglich, unseren kulturellen Fluch aufzuheben. Dazu müssen wir nur lernen, uns auch eine zeitlang ohne Angst im Dunkeln zu orientieren. Wir müssen neugierig sein wie Entdecker und die Anregungen aufnehmen, die es um uns herum gibt.

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