Mittwoch, 24. September 2014

Mord am Morgen

Ein Geräusch weckte Benno. Er schlug die Augen auf und starb von der Hand seines Mörders. Aber warum atmete und zitterte er dann noch? Über ihm das weiße, verzerrte Gesicht mit den hohlen Augen und dem zu einem lautlosen Schrei geöffneten Mund. Es beobachtete ihn, kam aber nicht näher. Sein Mörder wusste genau, dass er sich Zeit lassen konnte. Er sog die Angst seines Opfers in sich auf. Benno schloss die Augen, um den Alptraum zu beenden. Dann fühlte er, wie sein Mörder das Messer hob und der schwere Stahl auf ihn niedersauste. Im letzten Moment riss er seine Augen wieder auf. "Mein Sohn", schrie er, "wenn ich Dich erwische." Mit einer wütenden Handbewegung fegte er die fürchterliche Maske von der Wand.
Doch da war immer noch dieses Geräusch. Benno stand auf und horchte während er sich anzog. Ein Kratzen, jemand schlich durch das Wohnzimmer unter ihm. Eilige, tippelnde Schritte. Ruhelos. Benno suchte nach seinem Messer. Es glich dem Mordwerkzeug aus dem Film "Scary Movie". Genau wie die Maske seines Sohnes. Die Sonne schien hinter ihm still durch den Vorhang, als er die Tür öffnete.
Benno stand an der Treppe und starrte in die dämmrige Luft unter ihm. Wie immer hatte er am Abend die Jalousien heruntergelassen, durch die nur ein schwaches Licht fiel. Seine Familie war schon früh zu einem Ausflug aufgebrochen. Er hatte das Haus für sich. Ein Umstand, der Benno normalerweise ein Lächeln auf sein Gesicht gezaubert hätte. doch jetzt fürchtete er sich. Zum ersten Mal.
Das Messer in der Hand, nahm er seinen Mut zusammen und schlich die Treppe hinunter. Da war das Geräusch wieder. Er konnte es nicht genau lokalisieren. Stand jemand hinter der nur einen Spalt geöffneten Wohnzimmertür? Die hatte er doch geschlossen, meinte er sich zu erinnern. Andererseits war es gestern spät und er hatte ein paar Gläser Wein getrunken. Also stand die Tür jetzt eben offen.
Benno umfasste das Messer fester. Er stand barfuß auf dem kühlen Holzfußboden des Wohnzimmers und blickte sich um. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Obwohl er Zuhause war, fühlte er sich unsicher, wie in einer feindlichen Umgebung. Er war angespannt, auf dem Sprung. Da sah er aus den Augenwinkeln einen Schatten und der zur Seite geschobene Vorhang des großen Fenster bewegte sich leicht.
Auf Zehenspitzen schlich Benno dorthin, fast ohne ein Geräusch, nur seine Fußsohlen schnalzten leicht, wenn sie sich bei jedem Schritt vom Holz des Bodens lösten. Das Messer hielt er zum Stoß bereit. Entschlossen näherte er sich dem Vorhang und riss ihn mit einer Handbewegung, ähnlicher der Rückhand beim Tennis, beiseite. Als er die Schuhe entdeckte, stieß er einen kurzen Schrei aus. Doch in ihnen steckten keine Füße und schon gar kein ganzer Mensch. Benno hatte nur die lang vermissten Hausschuhe seiner Frau entdeckt. Es blieb ihm aber keine Zeit sich zu wundern, wie sie dorthin gelangt waren, denn hinter seinem Rücken nahm er eine Bewegung wahr. Mit einem Ruck drehte er sich um und sah - nichts. Und doch war da etwas, das spürte er deutlich. Die Härchen an seinen Armen stellten sich fröstelnd auf.
Benno fühlte sich gehetzt, gejagt von unsichtbaren Wölfen. Sprungbereit näherte er sich dem Regal. Er erkannte Hölderlin, Brecht und Edgar Allen Poe. Ein Schlag wie mit einem Hammer. Von rechts. Er fuhr herum. Mit ausgestrecktem Messer. Das Holzscheit bewegte sich noch leicht. Es musste vom Stapel unter dem Kamin gefallen sein. Doch wie? Benno ging vorsichtig darauf zu, da stürzte ein Buch aus dem Regal. Es klatschte auf den Boden und blieb aufgeschlagen liegen. Er sprang mehrere Schritte zurück. Seine Augen huschten hin und her, versuchten alles im Blick zu behalten.
Vorsichtig tastete er sich zum Fenster. Mit einer Hand zog er über die Schulter in mehreren kurzen Bewegungen mühevoll die Jalousie halb nach oben. Das Morgenlicht zeichnete die Konturen des Raumes scharf. Fast augenblicklich fiel die Anspannung von Benno ab. Er sah jetzt, dass niemand außer ihm im Raum war. Da wiederholte sich das Kratzen hinter dem Regal und wie zur Antwort rollte ein weiteres Holzscheit zu Boden.
Benno sprang auf die Bücherwand zu. Sein Messer fest in der Hand, nahm er ein paar Folianten aus dem Holzgestell. Sein Herz pochte dabei, er konnte den Puls an seinem Arm sehen. 
Er schob den Kopf durch die Lücke. Zunächst sah er nichts hinter dem Regal. Nur ein schmaler leerer Gang verlief dort an der Wand entlang. Was immer das Kratzen verursacht hatte, es war weg. Erleichtert wollte Benno sich zurückziehen - da stieß eine schwarze Natter nach seinem Gesicht. Er schüttelte den Kopf, schlug ihn gegen den Einlegeboden des Regals. Seine Hände fuchtelten nutzlos an der Seite und rissen wahllos Bücher aus dem Regal. Der Lärm machte ihm zusätzlich Angst. Er wollte raus, hing aber irgendwie fest. Da blähte die Natter ihren schwarzen Körper auf und biss in seine Nase. Aber das geschah so sanft und vorsichtig, dass Benno lachen musste. Der große Kater zog sich beleidigt zurück.
Im selben Moment fiel der Holzstapel unter dem Kamin endgültig in sich zusammen. Benno fuhr herum. Er sah die Maus vor dem Kater fliehen und krabbelte auf allen Vieren mit dem Messer in der Hand hinterher. Dabei dachte Benno, wie lächerlicher aussehen musste. Schließlich stellte er die Maus in einem der Hausschuhe seiner Frau. Er nahm das bebende Tier in die Hand - und es zwickte ihn schmerzhaft in die Innenseite seines Mittelfingers. Augenblicklich lief ein dünner Blutfaden an seiner Hand herunter.
Benno schimpfte auf die Maus ein und beruhigte sich, als er durch den Flur zur Hintertür ging. Dabei wunderte er sich, dass die Haustür leicht geöffnet war. Seine Frau hatte sie anscheinend nicht richtig geschlossen. Egal, dachte er, erst setzte ich die Maus in den Garten. Er legte sein Messer auf die Arbeitsfläche in der Küche und ging durch die Hintertür hinaus. Die Maus versuchte wieder zu beißen, aber diesmal hielt er Ihre Kopf fest. Der Kater folgte ihm und spekulierte auf eine frische Mahlzeit. Deshalb setzte Benno die Maus in den Schnellkomposter. Dort war sie vorläufig in Sicherheit und konnte sich erholen.
Kurz sah ihr Benno noch zu, wie sie vorsichtig schnupperte und sich schließlich in den Grasschnitt wühlte. Dann schlenderte er langsam zum Haus zurück. Was für ein Morgen dachte er, als er die Tür hinter sich schloss und dem Kater sein Futter aus einer Dose in den Fressnapf schüttete. In der Küche wunderte er sich über den zugezogenen Vorhang, der den Raum vom Flur trennte. Wie habe ich das denn gemachte, fragte er sich, ich hatte doch keine Hand frei. Dabei erinnerte er sich an sein Messer. Doch es lag nicht auf der Arbeitsplatte. Einfach noch zu früh, sagte er sich. Aber darum würde er sich erst nach der Dusche und einem guten Frühstück kümmern.
Benno schlüpfte durch den Vorhang und lief direkt in die Klinge seines Messers, das zwischen Brust und Bauch in seinen Körper eindrang. Er sah in die erschrocken aufgerissenen Augen seiner Frau. Sein Mund formte eine "Warum?", aber kein Laut verließ seinen sterbenden Körper. Immerhin, dachte er, hat es die Maus geschafft.

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