Sonntag, 30. November 2014

Kunst macht das Alltägliche zu einem großen Thema

Die peinlichen Momente sind immer die der Selbstüberschätzung: Eine feierliche Rede voller schlüpfriger Anspielungen, ungeschickte Tanzschritte bei einer Vorführung, ein zu lautes Lachen, unpassende Bemerkungen. Die Aufzählung lässt sich lange fortsetzen. Menschen sind oft davon überzeugt etwas zu können - und sei es nur ein gutes Benehmen.
In der Kunst entstehen peinliche Momente vor allem durch mangelnde Bescheidenheit. Für Dilettanten sind es die schweren Stücke in der Musik, die komplizierten Perspektiven in der Malerei und die großen Weltthemen beim Schreiben, die sie unbedingt angehen. Der Grund sind mangelndes Empfinden und der fehlende Blick für die Feinheiten des Alltäglichen. Dabei unterschätzen viele Kunstschaffende die Bedeutung einfacher menschlicher Beziehungen für das Miteinander in der Gesellschaft und den Lauf der Welt. Die meisten Morde werden nicht mit Waffen begangen, wie meist klischeehaft in Krimis dargestellt, sondern am Arbeitsplatz, in der Familie, am Wohnort mit Worten und scheinbar harmlosen Handlungen. Es sind Gesten, die sich Außenstehenden oft nicht erschließen und Bemerkungen, die scheinbar nett gemeint sind, Menschen aber töten.
Aufgabe der Kunst ist es, Blickwinkel zu wechseln und Perspektiven zu verändern. Sie sollte die menschlichen Belange nicht nur beleuchten, sondern immer wieder radikal in Frage stellen, zertrümmern und neu aufbauen. Laien erheischen mit großen Themen Aufmerksamkeit, weil sie anderen Möglichkeiten nicht haben. Wahre Kunst braucht keine sogenannten großen Themen - sie macht das Alltägliche selbst zu einem großen Thema. Die wichtigsten Werkzeuge dafür sind Empfindsamkeit und Ernsthaftigkeit.

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