Dienstag, 27. Januar 2015

Alte Freunde - Leben im Zeitraffer

Es gibt eine sehr schöne Szene bei Marcel Proust in seinem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, in der er nach längerer Abwesenheit seine Freunde auf einem Empfang kaum mehr wiederkennt, weil sie so sehr gealtert sind. Er versteht nicht, was die Zeit mit ihnen angerichtet hat, bevor er zufällig in einen Spiegel schaut und sich selbst als alten Mann erkennt.
Ganz so weit ist es bei mit noch nicht. Aber wenn ich Menschen erst nach längerer Zeit wiedersehe, kommt es mir doch so vor, als verlaufe das Leben in diesen Moment wie in einem Zeitraffer. Die Zeit macht einen Sprung von Wochen, Monaten oder sogar Jahren und ich bemerke, dass es den anderen mit mir ähnlich ergehen muss.
Die Zeit ist eine trickreiche Erscheinung. Auf der einen Seite wollen wir, dass sie schnell vergeht, wenn wir auf etwas warten. Andererseits möchten wir unser Alter hinauszögern und am liebsten an einem Punkt bewahren. Mal schreitet sie von sich aus rapide voran, dann wieder bleibt sie fast stehen. Biologen behaupten gar, es gebe eine individuelle Zeit - und die rast mit zunehmendem Alter schneller und schneller. Ich befürchte fast, das stimmt, denn für mich vergeht die Zeit tatsächlich von Tag zu Tag schneller.
Die Zeit ist also ein Faktor, mit dem wir rechnen müssen. So gesehen sollte sie auch in Büchern eine viel größrere Rolle spielen. Ich meine damit natürlich nicht die Uhrzeit, sondern die persönliche Zeit der Protagonisten. Können Menschen überhaupt zusammenkommen und dauerhaft zusammen bleiben, wenn die Zeit für sie individuell unterschiedlich vergehen würde? Eine interessante Idee für einen Roman. Oder gibt es so eine Handlung schon?

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