Donnerstag, 22. Januar 2015

Das Interview - der Spiegel der eigenen Seele

Vor ein paar Tagen habe ich ein Interview gegeben. Es war ein ganzer Katalog von Fragen und ich habe mehrere Stunden damit verbracht, Frage um Frage zu beantworten. Das war eine große Herausforderung. Weniger, weil es darum geht, im Rampenlicht zu stehen. Das ist schließlich der Sinn eines Interviews. Doch ich habe schnell gemerkt, dass meine Antworten zwei Ebenen für mich haben: Sie stellen den Autor in der Öffentlichkeit dar, schaffen ein Image - manche Leute werden die Antworten mögen, andere nicht. Was aber weitaus schwerwiegender ist: Jede Antwort eines Interviews wirkt direkt auf den Befragten.
Es gibt drei Möglichkeiten, auf Interviewfragen einzugehen - absulut offen und ehrlich, die passenden Antworten mit Blick auf ein gewünschtes Image liefern oder eine Mischung daraus. Ich bin sicher, dass die meisten Antworten bei Interviews versuchen, Ehrlichkeit mit Showelementen wie zum Beispiel Witz und Überraschung zu verbinden. Dagegen ist nichts einzuwenden. Ein gutes Interview informiert und unterhält gleichermaßen.
Wer ein Interview gibt, sollte sich aber bewusst sein, dass er eine Rolle spielt und seine Antworten früher oder später auf ihn zurückfallen werden. Was ich damit meine? Ich werde mir plötzlich durch ein Interview selbst bewusst, wie ich denke. Selbst wenn ich mir Antworten nur wegen eines Effektes oder meines Images ausdenken, fallen mir doch genau die Antowrten ein, die ich schließlich gebe. Jeder andere würde an meiner Stelle anders antworten. Also: Selbst falsche oder frei ausgedachte Antworten entsprechen meinem Denken. Die ehrlichen Antworten natürlich sowieso. Ich lerne mich selbst durch ein Interview besser kennen. Auch Denkstrukturen, die vielleicht lange unter der Oberfläche schlummerten. So gesehen verrät jedes Interview sehr viel über den Menschen, der antwortet - ganz gleich, wie er antwortet.
Es gibt nur zwei Möglichkeiten, diese Konsequenz eines Interviews nicht als unangenehm zu empfinden: Die Interviewanfrage von vornherein ablehnen oder authentisch antworten. Letzteres heißt, dass auch die Antworten, die vielleicht nicht ganz ehrlich sind, beziehungsweise nicht unbedingt wahre oder selbst erlebte Geschichten erzählen, doch zumindest zum Interviewten passen und einen Teil seiner Persönlichkeit widerspiegeln. Der Kern jeder Aussage sollte doch stimmen. Niemand kann sich vollständig neu erfinden - wer es dennoch versucht, wird schnell bemerkten, dass nicht er eine neue Persönlichkeit geschaffen, sondern seine eigene Persönlichkeit ein Ventil gefunden hat, durch das sie sich der Öffentlichkeit mitteilt.

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