Mittwoch, 15. April 2015

Der Sender vom Kiez


Mitten auf St. Pauli stehen die Tanzenden Türme. Inmitten der Tanzenden Türme eröffnet das Gläserne Studio von Radio Bizarr. Ziemlich in der Mitte des Studios steht Frederik Cervi und gibt letzte Anweisungen für die On Air-Party.
"Leute, wo sind die Puppen mit den Dessous? Ich will hier alles voller Dessous haben, wir sind schließlich auf der Reeperbahn."
Der Mann ist Mitte 40 und voller Tatendrang. Er dirigiert die Menschen um sich her und wirft ein Auge auf jedes noch so kleine Detail.
„Die Girlanden und die Luftballons müssen auch von außen durch die Fenster zu sehen sein.“
Schon als Kind wollte er Radio machen und spielte Moderator mit seinem Kassettenrekorder. Jetzt ist es endlich soweit, dass er tatsächlich auf Sendung geht. Er kann es kaum erwarten, bis Radio Bizarr überall zu hören ist.
„Tom, hast du alles unter Kontrolle?“ fragt er wieder und wieder seinen einzigen Redakteur. „Können wir pünktlich heute am 20.05. um 20.05 Uhr starten?“
Tom bleibt ruhig und nickt. Er weiß, dass sein Chef auf solche Zahlenspiele steht. Das ist auch in Ordnung, solange er seine Finger von der Technik und der Programmplanung lässt. Soll er doch seinen Spaß haben, denkt Tom, Hauptsache er finanziert den Laden und ich bin wieder im Geschäft. Willkommen zurück im normalen Leben.
„Hängt das Logo sofort wieder ab, das enthüllen wir erst, wenn die Leute von der Presse da sind.“
Frederik Cervi ist nervös und weiß selbst nicht warum. Früher hat er ganz andere Unternehmungen gestemmt. Doch daran will er jetzt nicht denken. In ein paar Minuten steht er wieder in der Öffentlichkeit und diesmal werden ihn die Menschen lieben.
„Lasst doch die Fenster frei, sonst kann niemand mehr zu uns hineinsehen.“
Eine halbe Stunde vor Eröffnung ist alles fertig. Getränke stehen bereit und die Tabletts mit den Häppchen sind angerichtet. Das Servicepersonal wartet auf seinen Einsatz. Tom überprüft zum wiederholten Mal den symbolischen Startknopf für seinen Chef, der vor der Tür auf und ab geht. Keiner der geladenen Gäste ist bisher erschienen. Auch zehn Minuten später ist das Studio noch gähnend leer.
„Was machen wir jetzt?“ fragt Tom irgendwann. „Starten oder verschieben?“
„Ich habe noch nie irgendetwas verschoben“, tobt Frederik Cervi. „Wir ziehen das durch, mich lässt niemand stehen.“
In diesem Moment betritt eine Frau das Studio. Sie blickt sich um, ihr Gesichtsausdruck schwankt dabei zwischen konsterniert und amüsiert.
„Bin ich hier richtig bei der Pressekonferenz zur Eröffnung von Radio Bizarr?“
„Willkommen“, ruft Frederik Cervi und eilt auf die Frau zu. „Tragen Sie sich doch bitte in unsere Teilnehmerliste ein.“
„Darf ich mir aussuchen auf welcher Seite?“
Natürlich hatte Frederik Cervi mit einem großen Ansturm auf seine On Air-Party gerechnet und deshalb einen ganzen Block für die Namen auslegen lassen. Aber er ist nicht der Typ, der sich für eine Selbstüberschätzung rechtfertigt.
„Suchen Sie sich gerne ein nettes Plätzchen für Ihren Namen, aber beeilen Sie sich, denn gleich ist die Liste voll.“
„Noch sind wir unter uns“, kontert die Frau, „und ich sehe nicht, dass sich das ändern wird.“
„Entschuldigen Sie mich bitte“, nickt ihr Frederick Cervi mit süßsaurem Gesicht zu.
Während sie sich einträgt, beauftragt er Tom, gleich nachzusehen, wer die Frau ist.
„Halte sie bei Laune, ich bin sofort wieder da.“
„Sind Sie sicher, dass wir das wirklich durchziehen sollen?“
„Wir werden den Sender starten und zwar mit jede Menge Gästen.“
Tom ist zwar ratlos, aber er bietet der Frau, die laut ihrem Eintrag Carola Bergrün heißt und für den Hamburger Blick arbeitet, eine Führung durch den Sender an.
„Kommen Sie, ein Internetradio benötigt zwar kein spektakuläres Equipment, verfügt aber über viele technische Feinheiten.“
Er will gerade einiges erklären, da wendet sich die Frau ab und geht eilig zum Fenster.
„Was ist denn dort draußen los?“ fragt sie erstaunt.
In diesem Moment stürmt die Masse den Sender, an der Spitze Frederik Cervi.
„Bitte tragen Sie Ihren Namen in unsere Gästeliste ein, Herrschaften.“
Er blickt sich mit einem schelmischen Lächeln um. Auf seinen Wink werden die Getränke und die Häppchen serviert. Die Stimmung könnte nicht besser sein. Immer mehr Menschen kommen von draußen herein.
„Sie ist Journalistin, Chef“, flüstert ihm Tom zu, der sich zwischen all den Leuten ein wenig unbehaglich fühlt.
Einige Mädchen tragen hellrosa hautenge Shirts, sehr kurze Röcke und auffallend hohe High Heels. Sie sind nett zu den Gästen und lassen sich gerne mit ihnen fotografieren. Carola Bergrün beobachtet, wie ein paar von diesen Mädchen draußen Passanten überreden hereinzukommen.
„Das sind Prostituierte“, wirft sie Frederik Cervi vor, als sie ihn am Mikrofon stellt.
„Aber nein, das ist mein Marketingteam. Jetzt entschuldigen Sie mich bitte, in wenigen Sekunden startet Radio Bizarr.“
„Sie nutzen die Lage dieser Frauen aus.“
„Ich bezahle sie als Expertinnen“, sagt er beleidigt und wendet sich an sein Publikum. „Meine Damen und Herren. Sie wohnen einem einmaligen Ereignis bei: Dem Start von Radio Bizarr, dem Sender direkt vom Kiez, der weder vor der Liebe, noch vor Skandalen Halt macht. Wir sind nur unserem Herzen verpflichtet und das sitzt in St. Pauli bekanntlich an der richtigen Stelle. Nun zählen Sie mit mir die letzten Sekunden in einer Welt ohne Radio Bizarr herunter.“
Die Menge grölt von zehn rückwärts und als sie bei null ankommt, drückt Frederik Cervi den symbolischen Startknopf - Radio Bizarr strahlt den Jubel des Publikums ins Internet aus.
„Helfen Sie mir mal, unser Logo zu enthüllen“, fordert er Carola Bergrün euphorisch auf.
„Sie ziehen hier eine große Show für nichts ab. Eigentlich interessiert Ihr kleines Radio doch niemanden.“
„Das würde ich nicht sagen, wenn ich mich so umsehe“, strahlt Frederik Cervi in die Partyrunde und wirft der Journalistin eine der Dessouspuppen zu, die vor dem Logo steht.
Sie fängt die Puppe mit spitzen Fingern auf und stellt die sexy Figur angewidert zur Seite. Das amüsiert Frederick Cervi, der das Tuch am Logo lockert.
„Was tragen Sie denn unter Ihrer Jeans?“ fragt er provokant, und als sie betreten zur Seite schaut, beginnt er zu spekulieren: „Slip, lange Unterhose, French Knickers, Miederhose?“
„Ich wüsste nicht, was Sie das angeht.“
„Vielleicht würde es mir gefallen?“
„Genügen Ihnen die Huren hier nicht?“
„Beleidigen Sie nicht mein Marketingteam - und jetzt halten Sie mal diesen Zipfel.“
Carola Bergrün greift ohne zu überlegen nach dem Stoff. Gemeinsam ziehen sie, bis das Tuch wallend herabfällt. Der enthüllte Schriftzug zeigt den Namen des Senders - doch die beiden „a“ in Radio Bizarr sind durch zwei menschliche Konturen ganz in Rot ersetzt. Während der männliche Umriss einen harten breitbeinigen Kerl mit Hut und Knarre zeigt, hat die Schattenfrau eine Peitsche in der Hand und ihr Slip hängt als A-Strich in den Kniekehlen ihrer gespreizten Beine.
„Na, das sagt ja viel über Sie aus“, urteilt Carola Bergrün.
„Finden Sie wirklich?“ fühlt sich Frederick Cervis, der ihren abwertenden Blick nicht bemerkt, geschmeichelt.
„Kindlich naiver Charme gepaart mit klischeehaften erotischen Fantasien.“
„Sehr witzig. Sie wollen nur nicht zugeben, dass mein Logo auch bei Ihnen etwas auslöst.“
„Kommen Sie, ein Kerl, der offensichtlich nicht bis drei zählen kann - was soll der denn bei mir auslösen?“
„Wieso kann der nicht bis drei zählen?“
„Bräuchte er sonst eine Waffe?“
„Wissen Sie, was ich glaube: Sie wollen nur davon ablenken, dass Sie die Vorstellung von dieser Frau erregt.“
„Was soll mich denn an einem heruntergelassenen Höschen erregen, das sehe ich jeden Tag.“
„Bei Ihrer Freundin?“
„Bei mir selbst - und ich kann Ihnen sagen: Wenn Sie ein Klecks mit den Formen einer Frau schon so anmacht, dann würde ich Sie damit wahrscheinlich in unbeschreibliche Ekstase versetzen.“
Sie starren sich an, wütend und aufgeregt. So etwas habe ich noch nie zu einem Mann gesagt, denkt Carola Bergrün erschrocken, hoffentlich hält er mich nicht für frivol. Frederik Cervi ärgert sich, dass ihm keine Erwiderung einfällt. Ich habe das letzte Wort noch nie einer Frau überlassen, wundert er sich. Einen Moment sehen sie sich ratlos an, dann gehen sie ein, zwei Schritte auseinander.
„Ich könnte jetzt Ihre Fragen zu Radio Bizarr beantworten“, schlägt Frederik Cervi schließlich vor.
„Das ist sehr freundlich.“
„Sie werden doch über uns berichten, nehme ich an.“
„Weshalb ein Radiosender? Das ist ja nicht der erste in der Stadt. Was versprechen Sie sich davon?“
Bumm! Die erste Frage gleich mitten hinein in die Psyche von Frederik Cervi. Er fühlt sich ungemütlich und versucht es zu überspielen.
„Niemand ist mehr irgendwo der Erste. Es geht darum, eine Nische zu finden und dort nützlich zu sein. Meine Nische mit Radio Bizarr heißt gute Unterhaltung und kompetenter Journalismus.“
„Mit einem Redakteur?“
„Ich werde mich selbst auch inhaltlich einbringen.“
„Haben Sie Erfahrung?“
„Vor allem habe ich Ideen und hervorragende Kontakte.“
„Damit wollen Sie gegen die professionellen Redaktionen dieser Stadt antreten?“
„Kommen Sie, die arbeiten doch alle nach einem veralteten Geschäftsmodell. Wer liest denn ernsthaft noch gedruckte Zeitungen?“
Diesmal trifft er einen Nerv bei Carola Bergrün. Sie ist Zeitungsfrau durch und durch, atmet jeden Morgen zufrieden den frischen Geruch nach Papier und Druckerschwärze ein, ist stolz auf ihre Artikel schwarz auf weiß.
„Zeitungen sind die letzte Bastion des Qualitätsjournalismus“, erklärt sie kurzerhand.
„Mit mindestens einem Tag Verspätung bei jeder Nachricht.“
„Dafür mit recherchierten Hintergründen.“
„Bei Radio Bizarr scheinen die Sie aber nicht zu interessieren.“
„Weil es da nichts anderes gibt als eine versponnene Idee, die vermutlich eine Menge Geld verbrennen wird, das Sie Investoren abgeschwätzt haben.“
"Meinen oder hoffen Sie das - denn in Wahrheit fürchten Sie die Konkurrenz, die Ihr windiges Blättchen hinfortwehen wird."
"Dann, mein Herr, verzichten Sie gewiss gerne auf meinen unbedeutenden Bericht über Ihr bizarres Radio, das grob geschätzt die ungeheure Zahl von rund zwanzig Zuhörern erreichen dürfte."
"Es ist mir ein Vergnügen, Sie zur Tür zu geleiten."
"Danke, ich finde den Weg allein. Ihr imposantes Marketingteam bietet ausreichend vollbusige Orientierung."
"Die Frauen verstehen wenigstens ihren Job."
"Ich verstehe genug von meinem Beruf, um zu wissen, wann eine Geschichte keine Geschichte ist. Und Sie sind mit Ihrem Hobbyradio nur ein ganz laues Lüftchen."
"Das in den nächsten Tagen zu einem ausgewachsenen Sturm werden wird."
"Aber sicher nicht durch mich."
"Dazu brauche ich Sie nicht. Ich habe Informationen, für die würden Sie sogar mit mir ins Bett gehen, um sie zu bekommen."
Carola Bergrün hebt den Kopf, dreht sich um und verschwindet ohne ein weites Wort in der dunklen Nacht. 
"Ein Hoch auf den Gastgeber", jubeln währenddessen die Damen von der Straße und alle stimmen ein.
Frederik Cervi fühlt sich plötzlich inmitten des fröhlichen Trubels allein, die Eröffnung ist ihm verdorben.

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