Dienstag, 14. April 2015

Eine Menschenfabrik

Stellen wir uns für einen Moment vor, es gäbe ein Haus, in dem wohnten nur glückliche Menschen. Damit dies so bleibt, hat das Haus eine intelligente Tür. Ihre vordringliche Aufgabe ist die Einlasskontrolle. Sie darf kein Unglück passieren lassen. Die Tür ist sehr glücklich über ihre überaus wichtige Position und geht sehr gewissenhaft vor. Jeden Morgen sagt sie zum Postboten: „Einlass verweigert!“ Denn er bringt Rechnungen, Mahnungen, Gerichts- und Steuerbescheide, Werbung, Traueranzeigen. Äußerst selten ist ein wirklich glücklicher Brief dabei. Auch für die allermeisten Besucher öffnet sich die Tür nicht. Sie wollen oft nur ihre Pflicht erfüllen, brauchen Beistand, Rat oder Geld. Nicht einer ist dabei, der sein Glück teilen möchte.
Im Laufe der Zeit wird es einsam um die Tür. Weil sie sich kaum einmal öffnet, verlangen immer weniger Menschen Einlass. Ihre Scharniere beginnen zu rosten. Dann ziehen die ersten Bewohner aus, weil sie nicht länger glücklich sind. Das Haus beginnt zu verfallen und irgendwann wohnt niemand mehr darin.
Bis eines Tages ein paar wohnungslose Jugendliche die Ruine für sich entdecken. Sie sind nicht besonders glücklich und sie sind nicht besonders unglücklich. Es ist laut in den Räumen und es wird geflucht. Sie prügeln und sie lieben sich, sie nehmen Drogen und trinken, manchmal kotzen sie vor die Tür. Es kommen mehr von ihnen und andere gehen wieder. Sie machen Musik, einige sterben, manche haben Erfolg und ziehen in andere Häuser. Aber es sind immer genug da, um das Haus zu renovieren, umzubauen, zu bemalen, um zu feiern, zu diskutieren und Visionen von einer besseren Welt zu haben. Während sie vom Guten träumen und oft genug schlecht handeln, inspirieren sie sich zu immer neuen Ideen. Manchmal haben sie nichts zu essen und ein paar Wochen später feiern sie ein großes Fest. Sie lachen oft und sie sind oft traurig. Das Haus ist eine Menschenfabrik. Es produziert Leben.
Die Tür hat nur noch die Funktion, sich zu öffnen und zu schließen wann immer jemand kam. Da sie niemanden mehr überprüfen muss, bleibt ihr viel Zeit zum Grübeln. Als sie erkennt, dass sie mit ihrer einfachen Tätigkeit viel zufriedener ist, obwohl sie gestoßen und verschrammt wird, weil sie in jeder Minute einen praktischen Nutzen erfüllt, beginnt sie daran zu zweifeln, dass es so etwas wie Glück überhaupt gibt.
Jahre vergehen und die Tür fängt allmählich zu knarren an, öffnet sich nur noch langsam und schwer. Da kommt ein Paar Hand in Hand an dem alten Haus vorbei.
"Weißt du noch“, sagt die Frau, „wie wir uns hier kennengelernt haben?"
„Eine intensive Zeit“, antwortet der Mann. „Aufregend, geheimnisvoll, unsicher, nervig, problembeladen, verrückt, herausfordernd und meist sehr dreckig"
„Warst du glücklich?"
„Bist du es heute?"
Lachend gehen sie weiter. Die Tür knarrt ein wenig, als würde sie seufzen. Dann schließt sie sich ein letztes Mal mit dem Bewusstsein, endlich verstanden zu haben. Nachdem sie am nächsten Tag ausgetauscht ist, verändert sich das Haus für immer.

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