Samstag, 4. April 2015

Ich erspüre meine Figuren



Menschen verwirren mich. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich schreibe - um zu verstehen. Das ist allerdings nicht so einfach, denn auch meine Protagonisten verwirren mich des öfteren. Wie das, entspringen sie doch meiner Fantasie? Nun ja, ab einem gewissen Punkt in der Entwicklung eines Romans führen sie mehr und mehr ein Eigenleben. Sie geben mir ihre Entscheidungen und Handlungen vor. Das liegt daran, dass sie mit jedem Wort das ich schreibe realer werden, allmählich eine Geschichte bekommen und eine Persönlichkeit. Vieles, das ich mir ausdenke, passt nicht zu ihnen, anderes ist dafür notwendig. Im Interesse ihrer Glaubwürdigkeit erspüre ich meine Figuren und überlasse ihreren inneren Strukturen die Weiterentwicklung der Handlung.
So ist es auch in meinem neuen Roman Radio Bizarr: Gestartet bin ich mit einer Grundidee und einem Konzept für die Geschichte. Dann ist es wieder ganz anders gekommen und die Protagonisten erzählen sich selbst. Natürlich gewinnt das Buch dadurch an Nähe und Spannung. Was kann fesselnder sein als Menschen, die einen Blick in ihr Leben gewähren - und sei es ein fiktives? Wenn sie sich dabei verzetteln, bin ich da und bringe ihre Erzählungen im Interesse der Handlung in die richtige Form. Es ist eine fruchtbare Zusammenarbeit. Ganz nebenbei beginne ich meine Figuren zu verstehen und ihre Beweggründe und Motivationen für ihr Streben verwirren mich weniger. So beginne ich mit dem nächsten Roman, während Leserinnen und Leser meinen Figuren zuhören und sich von ihnen erzählen lassen.

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