Sonntag, 24. Mai 2015

Ein Telefonat

Die Frau stieg nach mir in die Bahn und blieb an der Tür stehen. Sie telefonierte.
"Nein, Karl Friedrich, ich bin noch unterwegs", sagte sie laut und deutlich über die Geräuschkulisse im Zug hinweg. "Dann isst du halt mal später."
Ich beobachtete sie von meinem Sitz aus, aber sie bemerkte es nicht einmal. Der Mann neben mir las in seiner Zeitung, das Mädchen gegenüber hörte Musik.
"Ich koch dir ja was", sagte die Frau, "aber es dauert noch."
Während ihr Mann antwortete, spielte sie an den Haaren. Manchmal rollte sie mit den Augen und verzog ihr Gesicht.
Ein Telefonat in der Bahn
"Das Essen von gestern steht natürlich im Kühlschrank. Hinter Käse und Quark, in der grünen Dose. Dann wäscht du den kleinen Topf in der Spüle aus. Der Arzt hat mir übrigens wieder diese Pillen verschrieben. Nein, nicht der mit dem Glasdeckel. Ich geh dann schnell in der Apotheke vorbei, auch die Salbe für Mutti abholen, die besuchen wir nachher. Stell den Herd aber höchstens auf zwei und immer umrühren."
Die Bahn hielt, Menschen stiegen aus und ein. Ich verlor die Frau kurzzeitig aus den Augen. Doch ihre Stimme übertönte mühelos den größten Lärm.
"Auf zwei habe ich gesagt, auf zwei, nicht auf neun. Kratz es aus und schmeiß es weg. Koch den Topf mit Backpulver aus. Ich mach dir später was, wenn ich da bin. Jetzt öffne das Fenster, sonst verpestet der Qualm die ganze Wohnung."
Die Frau blieb ruhig, sie kannte ihren Mann wohl gut genug. Ich aber hätte den Unglücksraben jetzt gerne gesehen. Irgendwie stellte ich ihn mir klein, dick und kahlköpfig vor, mit einer Brille, denn ein solcher Mensch musste unbedingt eine Brille tragen. Gekleidet war er mit einem weißen Shirt, das jetzt fleckig wurde, einer kurzen Hose und Sandalen.
"Herrje, du musst natürlich Wasser in den Topf füllen, bevor du das Backpulver kochst. Bring ihn raus und schmeiß ihn weg. Ich kaufe gleich einen neuen. Nein, es gibt nicht gleich was, wenn ich komme, ich muss erst kochen. Es schadet dir nichts, erst später zu essen. Denk an dein Herz."
Karl Friedrich tat mir irgendwie leid. Er hatte es gründlich vermasselt. Ich hoffe, er bekam überhaupt noch etwas zu essen. Vielleicht fiel ihm aber auch ein, einfach an den Kühlschrank zu gehen und sich ein Brot zu schmieren. Zumindest mit Butter. Falls er sie gefunden hat - schließlich ist er nur ein Mann.

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