Freitag, 8. Mai 2015

Faszination des Banalen

Das Einfache hält die Gesellschaft zusammen

Die einfachsten Äußerungen finden oft die größte Resonanz. Wenn ich zum Beispiel bei Facebook über das Wetter poste, erhalte ich deutlich mehr Kommentare und Likes als bei philosophischen Themen. Sogenannte Trivialliteratur hat meist höhere Verlaufszahlen als anspruchsvolle Romane. Ist das Banale also das alltägliche? Oder ist das scheinbar Banale am Ende gar nicht so banal?
Zunächt ist da der kleinste gemeinsame Nenner. Jeder kann sich über das Wetter unterhalten. Von da aus tastet man sich zu anspruchsvolleren Themen voran. Es ist eine Frage der gemeinsamen Interessen, ein Kennenlernen.
Ein Spiel von Schein und Wirklichkeit
Das Einfache ist zudem unverfänglich. Bei tiefergehenden Inhalten gibt jeder mehr von sich preis. Das beginnt beim eigenen Bildungsstand, führt über politische und religiöse Überzeugungen und endet nicht selten in emotionalen Diskussionen. Nicht immer erwünscht, manchmal nicht zu ertragen.
Also ist das Banale das gesellschaftlich verträgliche, das weder zu besonderer Anstrengung noch zu Streit Anlass bietet. Im Gegenteil: Es ist Entspannung. So auch in der Literatur. Gesellschaftkritische Romane fordern mehr Denkleistung als simple Liebesgeschichten. Hinzu kommt noch ein anderer Aspekt: Das Banale befriedigt menschliche Bedürfnisse. Unter anderem einen gewissen Hang zum Voyeurismus, das Ausleben sexueller Fantasien sowie Träume von Liebe und Gewalt.
So gesehen ist das Banale gar nicht so banal. Es hält die Gesellschaft zusammen und lässt Menschen gewisse Vorstellungen ausleben. Gefährlich wird Banalität allerdings dann, wenn sie Vorurteile aufbaut oder bestätigt. Ein Kennzeichen thematischer Banalität ist das Verharren in gefestigten Positionen und das Nichtzulassen von Veränderungen.
Darauf dürfen sich Schriftsteller nicht einlassen. Ihre Aufgabe sollte es gerade sein, gesellschaftliche Banalitäten zu hinterfragen, Vorurteile aufzubrechen und an ihre Stelle Visionen eines neuen Denkens zu setzen. Verpackt in spannende und unterhaltsame Geschichten.
Das Banale hat seine gesellschaftliche Berechtigung, aber es muss gezähmt werden. Die Gefahr der Faszination des Banalen liegt in seiner Nähe zum Fanatismus. Nicht umsonst hat Hannah Ahrendt die „Banalität des Bösen“ beschrieben.

Kommentare:

  1. Ich kann mich dem Artikel nur voll und ganz anschließen. Ohne philosophisch zu werden, kann man Banales, also Alltägliches oder einfach nur Menschliches in spannende Geschichten einbinden. Ja, ich wage sogar die These, dass ohne diese Einbindung ein Buch nicht spannend sein kann.

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  2. Eine interessante These, die wahrscheinlich stimmt. Mit anderen Worten: Wer das Leben beschreiben will, darf das Banale nicht außer Acht lassen.

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