Samstag, 23. Mai 2015

Schlagabtausch

Das Twitter-Mädchen steht für Ihre Generation
Manchmal ist Konversation wie ein Schachspiel: Zug um Zug werden Meinungen ausgetauscht und dabei wird der Gegner geschickt in die Enge getrieben. Natürlich besteht immer das Risiko, selbst zurückgedrängt zu werden. Aber in dieser Unwägbarkeit liegt gerade der Reiz solcher Wortgefechte. Zumal sie, gut geführt, viel über die Geisteshaltung in unserer Gesellschaft verraten.
Heute hatte ich wieder so eine Konversation auf Twitter. Entstanden ist sie, weil ich eine Nutzerin in meine Liste „Leser“ aufgenommen habe. Für alle, die Twitter nicht kennen: In sogenannten Listen werden User gesammelt, die häufig über Inhalte twittern, die für den Ersteller einer Liste interessant sind.
Ich gebe hier zunächst den Inhalt des Gesprächs, bei dem sich jeder Beitrag auf 140 Zeichen beschränken muss, unkommentiert wieder. Ich habe daran nichts verändert (auch keine Schreibfehler), bis auf den Namen der Nutzerin.

Twitter-Mädchen: Ich lese sie nicht. Ganz ganz GANZ sicher nicht. Sie können mich wieder aus ihrer Liste entfernen. Ich bestehe sogar darauf.
Ich: Gestrichen. Obwohl es nicht darum geht, mich zu lesen. Denn ich glaube nicht, dass Ihnen das gelingen wird.
Twitter-Mädchen: Danke. Sie sind nicht ganz vertraut mir Twitter, oder? 'Sie' zu lesen, bedeutet ihre Werke zu lesen. :) Viel spaß hier noch
Ich: Das habe ich schon verstanden und ich habe auch darauf geantwortet ;-))
Twitter-Mädchen: Wow. Da hat aber jemand ein empfindliches Ego. :'D Sie benehmen sich wie auf den Schulhof, Glückwunsch. xD
Ich: Nö, ich habe nur ein Gefühl für Sprache. Kleine Wortspielereien machen Spaß. Ihre Vorlage war zu gut, um ungenutzt zu bleiben.
Twitter-Mädchen: hm. zugegeben. Aber mal ernsthaft...muss so etwas sein? Sie sind erwachsen uns sollten es besser wissen. SEHR VIEL BESSER.
Ich: Als Erwachsener muss ich mir also alles sagen lassen und darf darauf nicht reagieren, weil meine Worte treffen könnten?

An dieser Stelle bricht das Gespräch leider ab. Schade, denn mich interessiert wirklich, wie ein anscheinend junger Menschen denkt. So muss ich folgendes schließen: Ja, Kinder und Jugendliche glauben heutzutage wirklich, dass sie alles sagen und sich alles leisten dürfen, ohne Konsequenzen. Erwachsene haben hinzunehmen, wenn sie gemaßregelt und belehrt werden - sie haben nicht das Recht, dem entgegenzutreten.
In was für einer Gesellschaft leben wir eigentlich?
Andererseits: Wenn ich auf den Ausgangspunkt zurückkomme und das Gespräch als Schachspiel betrachte, habe ich eindeutig durch Aufgabe meiner Gegnerin gewonnen. Wobei dieser Sieg nicht befriedigend ist, denn er war zu einfach. Woraus ich wiederum schließe - es gibt doch gewisse Privilegien vieler Erwachsener gegenüber Kindern und Jugendlichen: Lebenserfahrung und Intellekt. Warum sollten wir uns also von irgendwelchen Gören einschüchtern lassen?