Samstag, 20. Juni 2015

Auf dem Fest

Mara versteckte sich unter dem Buffet
Auf dem Fest der Erwachsenen versteckte sich Mara unter dem Tisch. Sie wollte wissen, weshalb ihre Mutter seit Tagen einen solchen Wirbel um diesen Abend machte. Ständig telefonierte sie wegen der Dekoration und dem Essen. Mit Freundinnen redete sie nur darüber, was sie anziehen würde. Für Mara hatte sie kaum Zeit und war immer gleich genervt von ihr.
Deshalb hockte das Mädchen nun mit pochendem Herzen unter all den Würsten, Pasteten, Salaten, Broten, Kuchen und was es sonst noch gab. Etwas wunderbares musste passieren, wenn ihre Mutter so aufgeregt war. Mara erwartete zumindest ein paar Feen und Elfen zu sehen.
Doch zunächst schritt nur ihr dicker Onkel Ludwig durch den Raum. Mara erkannte ihn schon an seinem schwerfälligen Gang. Als sie zwischen den Tüchern hindurch schielte, die den Tisch abdeckten, sah sie, wie er sich in alle Richtungen umschaute. Dann kam er ganz dicht heran und trat ihr beinahe auf die Hand. Er hat mich entdeckt, erschrak Mara und kroch weit in die Ecke. Da hörte sie ihren Onkel kauen und schmatzen. Erleichtert dachte sie: Wie lieb von ihm, dass er Mama hilft und das Essen probiert.
"Was machst du da, Ludwig? Kannst du nicht einmal die Finger vom Buffett lassen?"
Das war Tante Bärbel. Sie schimpfte ständig mit dem Onkel, deshalb mochte Mara sie auch nicht besonders. Doch jetzt wollte auch sie Mama helfen, denn die Tante sagte laut zu ihrem Mann, während sie mit ihren kleinen Schritten und dem Schwung ihres großen Po, den Mara sich nur allzu gut vorstellen konnte, an den Tisch tippelte: "Ich bedecke deine Peinlichkeit mit ein wenig Dekoration. Finger weg, du kommst mit mir." Mara verstand zwar nicht, was das heißen sollte, aber wenn es Mama half, war sie damit einverstanden.
Dann kamen nach und nach alle Gäste. Einige kannte Mara, viele auch nicht. Jeder umarmte Mama und sagte ihr nette Worte - sogar Oma Mathilde, die sonst nur mit Mama meckerte und Mama drückte sie besonders lang, obwohl sie Oma Mathilde immer eine böse Schwiegermutter nannte, wenn sie glaubte, Mara könne es nicht hören. Es dauerte ziemlich lange, bis alle sich begrüßt hatten und auf ihren Plätzen saßen.
Mara begann sich zu langweilen und wurde müde, aber das Besondere war noch nicht passiert. Die Erwachsenen redeten nur miteinander und sie konnte kaum etwas verstehen. Manchmal lugte sie unter ihrem Tisch hervor und fragte sich, wie die Omas und Opas, Onkel und Tanten, Freunde und Bekannte so lange fast bewegungslos sitzen konnten.
Doch als ihr schon fast die Augen zufielen, stand ihre Mutter plötzlich auf und wünschte allen einen schönen Abend. Daraufhin klatschten die Gäste und liefen auf Mara zu. Sie bekam Angst. War sie nun doch entdeckt und was würde ihre Mutter dazu sagen, dass sie noch nicht im Bett war, sondern sich hier versteckte? "Brave Kinder lauschen nicht", war eine der vielen Regeln zu Hause.
Onkel Ludwig war als erster bei ihr. Das erstaunte Mara, weil er doch so dick und behäbig war, wie Mama immer sagte. Jetzt bewegte sich das Tischtuch, Mara starrte ihrer Entdeckung entgegen. Wahrscheinlich hatte Onkel Ludwig sie doch schon vorhin gesehen und nur auf den richtigen Zeitpunkt gewartet, seine ungezogene Nichte hervorzuziehen. Aber Mara hörte nur, wie Tante Bärbel mit Onkel Ludwig schimpfte und etwas von Benehmen sagte. "Füll dir nicht den Teller so voll", fauchte sie ihn an.
"Sei nicht so streng mit ihm, Bärbel", hörte Mara die Oma Ruth sagen. "Auf dem Fest deiner Schwester sollen doch alle fröhlich sein."
"Misch du dich nicht ein, Mutter", sagte Tante Bärbel ärgerlich. "Das ist eine Sache zwischen Ludwig und mir."
"Aber deine Mutter kann doch wirklich nichts dafür, wenn du mir selbst auf einem Fest das Essen nicht gönnst", meinte Onkel Ludwig und hörte sich dabei an, als würde er an etwas kauen.
"Man spricht nicht mit vollem Mund", erinnerte sich Mara an eine weitere Regel ihrer Mutter und genau das sagte jetzt auch Tante Bärbel zu Onkel Ludwig.
"Kinder, was für ein Buffett. Dieser Überfluss ist unfassbar für einen Menschen, der noch richtig hungern musste, so wie ich."
Das war Opa Werner. Der war uralt und hatte den Krieg erlebt. Irgendwie verglich er alles mit dieser Zeit. Deshalb nannte sie ihn auch immer den "Kriegsopa", was Mama nicht gerne hörte, aber sie verbot es ihr auch nicht so direkt.
"Ihr wisst gar nicht, wie gut ihr es heute habt", redete der Kriegsopa weiter.
"Ludwig schon, der stopft sich wieder voll", grollte Tante Bärbel und Mara stellte sich den bösen Blick vor, mit dem sie ihren Mann ansah.
"Lass ihn essen, es kommen auch wieder schlechte Zeiten und dann habt ihr wenigstens die Erinnerung an den Geschmack von all dem hier.
"Warum glaubt ihr eigentlich alle das Recht zu haben, euch ständig in meine Ehe einzumischen?"
"Vielleicht, weil du sie bei jeder Gelegenheit nach außen kehrst."
Das ist Oma Mathilde, erschreckt Mara. Wenn die erst einmal anfängt, lässt sie an nichts und niemand ein gutes Haar, sagt Mama oft zu anderen Erwachsenen. Keiner mag Oma Mathilde richtig, aber sie ist trotzdem bei allen Treffen mit dabei. Sie gehört nun einmal zur Familie, sagt Mama. Aber Mara merkt jedesmal, wie schwer es ihrer Mutter fällt, mit Oma Mathilde zu sprechen.
"Ich unterhalte mich nur mit meinem Mann", wehrt sich Tante Bärbel.
"Was du so Unterhaltung nennst. Der arme Ludwig steht bei dir ganz schön unter dem Pantoffel, meine Liebe", sagt Oma Mathilde frei heraus.
"Warum stehst du mir nicht gegen diese Unverschämtheit bei, Mutter?" fordert Tante Bärbel von Oma Ruth.
"Weil es stimmt, was Mathilde sagt. Du kannst froh sein, dass dein Mann überhaupt noch bei dir bleibt."
"Dieses fette Ungetüm findet doch sowieso keine andere."
"Du vergisst dich, Bärbel. Ludwig ist ein guter Mann und du solltest dankbar sein für jeden Tag, an dem er dich aushält."
"Ludwig liebt mich. Aber du Mutter, hast mich noch nie gemocht. Es war immer nur Renate, für die du immer da warst."
Mara verstand nicht, warum ihre Mutter plötzlich wichtig war, obwohl sie gar nicht dabei stand. Die Unterhaltung klang jetzt auch ab, weil alle weitergingen und andere Leute sich an Maras Tisch bedienten.
"Ludwig wird auch immer dicker."
"Kein Wunder bei dieser Frau".
"Aber ein schönes Fest."
"Es ist gut, wenn die Familie wenigstens einmal im Jahr zusammenkommt."
"Das Buffett - einfach ganz wunderbar."
"Der Raum und die Möbel sind so gediegen."
"Dass Renate sich das überhaupt leisten kann, nachdem sich Thomas von ihr getrennt hat."
Ihr Papa hatte sie allein gelassen, das tat Mara noch immer weh, obwohl sie sich kaum an ihn erinnern konnte, weil er nur unterwegs gewesen war. Mama fiel es schwerer, allein zu sein. Aber Mara war wütend, dass überhaupt jemand ein kleines Mädchen sich selbst überlassen konnte. Mit Mama kam sie seitdem wenig klar, die wollte ständig was mit ihr machen und dachte dabei doch nur an sich. Mara hatte das Gefühl, sie sollte eine Freundin sein, doch sie wollte viel lieber Mara bleiben und den ganzen Tag spielen.
"Ohne Thomas ist Renate wirklich besser dran."
"Ich weiß nicht, als Frau so allein und die Tochter ganz ohne Vater."
"Ihr amüsiert euch, wie schön", sagte eine helle Frauenstimme.
Ihre Mutter klang ausgelassen, aber Mara kannte sie zu gut, um nicht den Vorwurf in ihren Worten herauszuhören.
"Es ist ein wirklich schönes Fest", lobte Oma Mathilde. "Hast du Thomas nicht auch eingeladen? Vielleicht habt ihr noch eine Chance."
"Du weißt genau, dass dein Sohn mit einer anderen zusammenlebt und überall erzählt, er müsse jetzt wenigstens nicht mehr seine Hemden selbst bügeln."
Mara hatte den Wutausbruch ihrer Mutter kommen sehen.
"Eine richtige Frau weiß halt, wie sie einen Mann hält."
"Eine richtige Frau lässt sich nicht aushalten."
"Hast du denn schon vom Buffett gekostet?" beruhigt Oma Ruth ihre Tochter. "Das hast du ausgesprochen geschmackvoll ausgewählt. Überhaupt ist das ein sehr gelungenes Fest."
Mara hört, wie sich Mama einen Teller voll mit den verschiedenen Speisen auffüllt, weil sie dabei wütend mit dem Löffel auf den Teller schlägt. Das macht sie auch immer zu Hause, wenn sie auf Mara sauer ist.
"Ludwig, du hast schon drei Mal nachgenommen", ruft Tante Bärbel von einem der Tische quer durch den Saal.
Mara hört lautes Gelächter, während Onkel Ludwig schnell noch etwas vom Buffett nimmt. Dann ist sie wieder allein unter ihrem Tisch. Sie wartet noch eine zeitlang, aber die Erwachsenen sitzen und reden und niemand steht mehr auf, obwohl sie sicher ist, dass Onkel Ludwig es zumindest versucht.
Mara schlief ein und als sie wieder erwachte, hatte sich nichts verändert. Sie wollte nicht länger auf Feen und Elfen warten. Für die Erwachsenen war das Besondere scheinbar das Essen und das Reden. Wie im Morgenkreis, als ich noch im Kindergarten war, dachte sie. Jeder darf jedem die Meinung sagen, solange er sich dabei an die Regeln hält. Natürlich verstand sie nicht alles, aber es kam ihr doch recht merkwürdig vor.
Sie erinnert sich nicht mehr, wie sie unbemerkt unter dem Tisch hervorkam und den Raum verließ. Wahrscheinlich, weil einfach keiner mit ihr rechnete. Jedenfalls lag sie in ihrem Bett, als Mama nach ihr sah.
"Jetzt hast du mich geweckt", murmelte sie vorwurfsvoll. "Dabei habe ich gerade so schön von Feen und Elfen geträumt."
"Dann schlaf wieder ein und träum weiter."
"Ach, das ist sinnlos, weil ich doch weiß, dass es in Wirklichkeit keine Feen und Elfen gibt."
"Wie kommst du denn darauf, mein kleines Mädchen?"
"Ich habe sie nicht gefunden."
"Die findet man auch nicht, aber wenn du fest an sie glaubst, sind sie für dich da."
"Familie kann ganz schön fies sein", platzte es aus Mara heraus.
"Warum sagst du das, hat dir jemand weh getan?" fragte Mama besorgt.
"Bei deinem Fest war ich unter dem Tisch und habe gelauscht", gestand Mara schlaftrunken.
"Hat es dir gefallen? Ich finde, es war ein wunderbares Fest" meint die Mutter erleichtert und wundert sich, was ihre Tochter alles träumt.
"Tante Bärbel war gemein zu Onkel Ludwig und Oma Ruth zu Tante Bärbel und Oma Mathilde überhaupt zu allen."
"Ich sollte dir nicht soviel erzählen, davon träumst du nur schlecht", sagt Mama.
"Wenn ich groß bin, werde ich dann auch so eine Oma?"
"Bestimmt, aber da hast du noch sehr viel Zeit."
"Ich habe Angst", flüstert Mara.
"Dann schlaf bei mir, dann kann dir nichts passieren", bietet Mama ihr an.
"Nein, du kannst mich nicht beschützen, du bist erwachsen."
Mama bleibt ratlos am Bettrand ihrer Tochter sitzen.
"Auf dem Fest der Erwachsenen gibt es keine Feen und Elfen", murmelt Mara, als sie wieder einschläft.

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