Mittwoch, 1. Juli 2015

Ein Duett aus Worten und Stimme

Eine Lesung wie ein Feuerwerk
Eine Lesung bei der ich überhaupt nicht lese, sondern schreibe? Das Publikum war begeistert vom neuen Programm "Lesen mit Stimme". Nicht, weil es mir zwei Stunden zugesehen hat, wie spontan eine neue Kurzgeschichte entsteht. Unterhalten wurde es prächtig vom Vorleser Dirk H. Strunk, der unter anderem aus meinen Romanen "Radio Bizarr" und "Hide" las. "Es ist ein Genuss, diesem Mann zuzuhören", schwärmte eine Teilnehmerin.
Währenddessen durfte ich eine Spontangeschichte mit Beteiligung des Publikums schreiben, das mir die Worte Sommer, Hamburg, Sonne, Oligarchentochter, Reiseutensilien, Ruhe, Liebe und Spaß vorgegeben hatte. Lesen Sie gleich, was daraus entstanden ist.
Wenn Sie den Vorleser Dirk H. Strunk mit meiner Kurzgeschichten "Grandioses Theater" hören möchten, besuchen Sie seine Webseite. Weitere Geschichten finden Sie in meinem gleichnamigen Buch.
Live erleben Sie das Programm am 27. Oktober 2015 im Bürgerhaus in Hamburg-Barmbek sowie am 6. November 2015 im Dorotheum, Dorotheenstraße 176, ebenfalls in Hamburg, jeweils ab 19:30 Uhr.
Jetzt aber gute Unterhaltung mit meiner Spontangeschichte "Die Liebe der Oligarchentochter" - und viel Spaß beim Suchen der vorgegeben Worte.

Die Liebe der Oligarchentochter

Ich muss schreiben, schreiben, schreiben. Sven Pinkernelle lief der Schweiß über die Stirn. Seine Finger lagen auf der Tastatur des Notebooks. Vor sich auf dem Tisch hatte er viele Zettel mit einzelnen Worten angeordnet. Eine große Sanduhr zeigte an, wie viel Zeit ihm blieb, seine Geschichte fertigzustellen: Eine Stunde nur noch.
Sein Auftrag schien simpel: Schreibe eine Geschichte, in der all diese Worte vorkommen. Doch ihm fiel nichts ein, es waren schier unmögliche Worte. Wie bin ich in diese Lage gekommen? fragte er sich. Eine Antwort hatte er nicht.
Sven Pinkernelle war allein, aber er vernahm eine Stimme, die Texte laut vorlas. Er hörte zu und plötzlich wusste er - das alles waren seine eigenen Texte. Doch er konnte sich nicht daran erinnern, sie je geschrieben zu haben.
Der Sand rieselte stetig herab, die Zeit lief unbarmherzig. Er versuchte sich zu konzentrieren. Doch immer wenn er glaubte, einen ersten Satz zu haben, lenkte ihn die Stimme des Vorlesers wieder ab. Sven ging durch den Raum und suchte, doch er fand niemanden, während die Stimme immer weiterlas. Er hielt sich die Ohren zu.
Sofort formten sich die Worte zu Sätzen und zu einer kleinen Geschichte. Doch wie soll ich sie tippen, ohne die Hände von meinen Ohren zu nehmen. Sven Pinkernelle war sicher: Sobald er die Stimme wieder hörte, würde er seine Geschichte vergessen.
In Ordnung, sagte er sich, ungewöhnliche Situationen erfordern spezielle Maßnahmen. Er hielt sich die Ohren weiter zu und schlug die ersten Buchstaben auf der Tastatur mit seiner Nase an.
"Es war Sommer in Hamburg. Die Sonne schien." Nicht besonders originell, dachte er, aber drei der vorgeschrieben Worte hatte er damit schon einmal untergebracht. Also machte er einfach weiter: "Lotte, die Oligarchentochter des Großkaufmanns packte ihre Reiseutensilien."
Wieder zwei Worte. Doch vor Begeisterung klatschte er in die Hände und hörte sofort wieder die Stimme, die nach wie vor seine Texte vorlas, die ihm vollkommen unbekannt waren.
Sven Pinkernelle erschrak, als seine zwei Sätze vom Display des Notebooks verschwanden. Er vergaß, was er noch schreiben wollte.
Er kam einfach nicht zur Ruhe. Die Stimme hatte zwar einen überaus angenehmen Klag, aber sie lenkte ihn ab. Was würde Lotte, die Oligarchentochter jetzt machen? Sven stutzte. Wie kam er auf diesen Namen, wer war das Mädchen. Es kam ihm vor, als kannte er sie. Sie floh mit ihrer großen Liebe vor ihrem Bruder, der ihr das Erbe des Vaters vorenthalten wollte.
Jetzt fiel es Sven Pinkernelle wieder ein: Diese große Liebe war er selbst. Doch wie kam er dann an diesen Ort?
Die Stimme las: "Grandioses Theater."
Ja, das war es in der Tat, dachte Sven Pinkernelle. Nichts anderes, rief er laut durch den Raum, einfach ein grandioses Theater. Vielleicht auch nur ein großer Spaß.
Die Liebe der Oligarchentochter, dachte Sven, ist aber eine gute Überschrift für meine Geschichte.
Er bewegte die Worte eine zeitlang in seinem Kopf. Plötzlich erlebte er einen überraschenden Szenenwechsel. Sven lag in seinem Bett, in einem Radio spielte Musik.
Erleichterung. Alles war nur ein Traum. Eigentlich klar, frohlockte Sven Pinkernelle, es kann gar nicht sein, dass ich einen Text nicht schaffe. Das hätte mir zu denken geben müssen. Als würde ich mich von einer Stimme ablenken lassen.
In diesem Moment wechselte das Programm im Radio. Eine sonore Stimme begrüßte die Zuhörer und verkündete die Sendung "Am Abend vorgelesen". Interessant, dachte Sven.
"Hören Sie heute", fuhr die Stimme fort, "die bekannte Kurzgeschichte "Die Liebe der Oligarchentochter", gesprochen von Dirk H. Strunk."

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