Donnerstag, 16. Juli 2015

Grenzüberschreitung

Die Aufgabe eines Schriftstelles ist es, das Unmögliche zu denken. Er überschreitet stellvertretend für seine Leser Grenzen und reißt sie manchmal sogar ein. So trägt er dazu bei, das Unmögliche zu einer Möglichkeit zu machen. Wie zum Beispiel Jules Verne, der nicht nur das Genre der Science Fiction begründet hat, sondern als einer der ersten Menschen davon träumte, unter Wasser atmen und mit einem Schiff fahren, sogar den Mond bereisen zu können.
In der Malerei drücken sich Grenzüberschreitungen unter anderem im Impressionismus und im Expressionismus aus. Der Film war zu Beginn schon an sich eine Grenzüberschreitung - und später war es dann der Tonfilm.
Gedanken und Träume zuzulassen, die nicht in ihre Zeit gehören, die unpassend erscheinen und vielleicht spekulativ, mit ihnen zu experimentieren und manchmal auch zu jonglieren, ist geradezu eine Notwendigkeit für jeden Künstler. Sich selbst, andere, die gesamte Gesellschaft in Frage zu stellen, ist für sie selbstveständlicher, als sich Gegebenheiten anzupassen. Damit sind sie anstrengend, weil sie ihr Denken als vollkommen logisch und normal empfinden. Das ist es für sie auch, doch für andere Menschen ist es eine fortwährende Grenzüberschreitung. Solange zumindest, bis das avangardistische Denken eines Künstlers Einzug in den Alltag hält und tatsächlich zur Normalität wird. Aber dann ist der Künstler entweder schon tot oder gedanklich längst weitergezogen, um die nächste Grenze zu überschreiten.
Wie dem auch sei: Es ist die Aufgabe eines Schriftstellers, das Unmögliche zu denken. Wenn er das schafft, wird er für seine Geschichten geliebt, in seinem Leben aber oftmals verachtet.

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