Freitag, 11. September 2015

Die Freiheit des Denkens

Künstler denken anders - das bemerke ich immer wieder. Was ich im Umgang erwarte, können viele Menschen nicht leisten. Für mich ist es normal, ständig zu reden, zu überlegen, in Frage zu stellen, zu analysieren, Querverbindungen und Zusammenhängen nachzuspüren, Geschichte mit Gegenwart und Zukunft zu verknüpfen. Dagegen verzweifle ich an normalen Tischgesprächen, bei denen Themen ständig hektisch gewechselt und nie vertiefend erörtert werden. Für mich ist das oberflächlich, andere Menschen leben dabei auf und fühlen sich verstanden.
Während ich oft ins „Unreine“ denke und lautes Brainstorming betreibe, in das ich meine Gesprächspartner gerne einbeziehe, nehmen die jeden Gedanken für bare Münze und sind schlimmstenfalls beleidigt. Sie nehmen auf, was sie verstehen. Alles andere fällt ungehört unter den Tisch.
Liest mir jemand einen Artikel aus einer Zeitschrift vor, sagen wir ein Ratgeberthema, beginne ich darüber zu diskutieren. „Ich wollte dir doch nur mitteilen, was mich gerade beschäftigt und was ich gut finde“, höre ich dann einen entsetzten Ausruf.
Viele Menschen sind zufrieden mit ein paar Gedanken, die sich gut anhören und gerade in ihre momentane Lebenssituation passen. Ich nicht. Damit wirke ich auf manche Menschen regelrecht bedrohlich, weil ich hinterfrage, was für sie unabänderlich feststeht und den Rahmen ihres Lebens ausmacht. Ich stelle sie in ihren Augen selbst in Frage. Zwar ist das nicht meine Absicht, aber es passiert immer wieder. Weil Menschen leicht zu verunsichern sind.
Auch das eine Beobachtung: Sehr viele Menschen brauchen ständig eine Bestätigung ihres Denkens und Handelns. Bleibt die in einem Gespräch aus, werden sie unsicher, fühlen sich unwohl und wenden sich ab. Sie halten es nicht aus, ihren selbstgewählten Rahmen zu verlassen und empfinden ihn auch nicht als Einengung, sondern im Gegenteil als Schutz.
Für mich zählt die Freiheit des Denkens. Die hat keine Grenze. Ich stelle mich selbst in Frage und andere. Das ist anstrengend, ich weiß. Aber notwendig, jedenfalls für mich. Mit manchen Menschen geht das, mit vielen nicht. Aber die Menschen, mit denen ich mich in einer Nacht durch das gesamte Universum und zurück denken kann, bereichern mein Leben ungemein. Und ich hoffentlich auch das ihre.

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