Montag, 28. September 2015

Gute Bücher schreiben

Das Literaturcafé watscht öffentlich die Shortlist des Kindle Storyteller Award ab. Fast jedenfalls, denn von fünf Büchern wird nur eines als lesenswert erachtet. Dabei ist zweierlei bemerkenswert: Die deutlichen Worte, mit denen die Bücher in Grund und Boden gestampft werden und die bisherigen Reaktionen in den Kommentaren.
Glaubt man den Verrissen von Malte Bremer, so ist es um die Qualität der selbstverlegten Bücher nicht gut bestellt. Geradezu erschrecken ist dabei allerdings, dass die Shortlist aufgrund von Verkäufen und Bewertungen von Lesern erstellt wurde. Mit anderen Worten, die fünf gelisteten Bücher haben sehr viele Menschen überzeugt. Das kann zweierlei bedeuten: Der Literaturkritiker liegt voll daneben - oder die Masse der Leser.
Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Aber das Wort von Theodor Adorno von der „Kulturindustrie“, deren Aufgabe es ist, die Menschen ruhigzustellen, anstatt sie wachzurütteln, erhält allem Anschein nach mit der „Selfpublisher-Industrie“ eine neue Bedeutung. Es stellt sich die Frage nach der Qualität von Literatur. Und da vermute ich schon seit längerer Zeit, dass es damit nicht zum Besten bestellt ist.
In diesem Zusammenhang erstaunen mich besonders die empfindlichen Reaktionen auf den weitgehenden Verriss der Shortlist. "Lieber Malte, finden Sie es gut, die Arbeit und das Herzblut von guten Autorinnen und Autoren in den Dreck zu ziehen?“ schreibt jemand. Abgesehen davon, dass die Bewertung „gute Autoren“ natürlich rein subjektiv ist, spricht der platte moralische Gegenangriff nicht gerade für ein besonderes Selbstvertrauen der Selfpublisher-Szene. Eine Autorin kommentiert: "Diese ganze „Textkritik“ ist einfach schlechter Stil.“ Warum? Nur weil jemand kein Blatt vor den Mund nimmt und Autoren, die mit ihren Büchern Geld verdienen, kritisiert?
Wer sich mit seiner Arbeit in der Öffentlichkeit präsentiert, sollte damit rechnen, nicht nur gelobt zu werden. Es muss gestattet sein, Bücher auch nicht zu mögen. Denn ansonsten geht die Qualität der Gegenwartsliteratur irgendwann vollkommen gegen Null. Das Niveau ist sowieso schon bedenklich tief.
Mir schon mehrmals aufgefallen, dass Autoren oft sehr pikiert auf Kritik reagieren. Ganz ehrlich - das ist umprofessionell. Nicht der Zuspruch, sondern gerade der Widerspruch bringt das eigene Schreiben voran. Das gilt auch für Leser. Ein wenig höher darf der Anspruch an Literatur schon sein. Ich jedenfalls bin froh, dass es ab und zu noch Menschen gibt, die entgegen dem Mainstream ganz einfach ihren Mund aufmachen. Ob es immer so polemisch sein muss, wie Malte Bremer schreibt, sei dahingestellt. Wichtig ist, dass wieder eine Auseinandersetzung über Literatur entfacht wird - auch in der Selfpublisher-Szene. Niemand sollte sich zu sicher sein, dass belanglose Literatur auf Dauer ausreicht, um Leser zu finden.
Übrigens gibt es gegen schlechte Kritiken ein ganz einfaches Mittel: Gute Bücher schreiben!