Freitag, 23. Oktober 2015

Magie der Orte

Ein Café ist nicht irgendein Ort. Es ist Treffpunkt, Lebensraum, Ideenschmiede, Gedankentheater. Gleichzeitig ist es - genau wie ein Hotel - ein Nicht-Ort. Gemeint ist damit eine Umgebung, die einerseits ein gewisses Zuhause auf Zeit sein kann, aber auch ein anonymer Raum für Menschen ist, die sich nicht kennen. Alle haben ihre Geschichte, ihre Wünsche, Träume und Hoffnungen. Wenn sie zufällig aufeinandertreffen sind sie jeweils in einer gewissen Stimmung, haben Bedürfnisse und Erwartungen. Alles und nichts ist möglich zwischen ihnen. Manchmal liegt Spannung in der Luft, manchmal auch nur eine unglaubliche Ruhe. Immer schwirren Stimmen umher und ein Café ist voller Bewegung. Es ist lebendig und diese Lebendigkeit inspiriert zu Kontakten und Gesprächen.

Kulturelle Inseln eines anderen Umgangs miteinander
Mich inspiriert ein Café zum Schreiben. Ich spüre die Emotionen und Gedankenströme der Besucher. Mitten im Leben und doch nur Beobachter, umgeben von Sprache, Mimik und Gestik, forme ich meine Geschichten und erwecke ich meine Protaginisten zum Leben. Ein Nicht-Ort ist ein Schmelztigel für Kunst. Hier finde ich unendliche Anregungen: Vom Aussehen der Menschen über ihren Kleidungsstil bis zu ihrer Sprache und manchen Erzählungen, die ich Bruchstückhaft mitbekomme. Die Menschen in Cafés beleben gelegentlich meine Geschichten.
Doch Nicht-Orte sind noch mehr: Die normalen Regeln des Zusammenlebens sind hier außer Kraft gesetzt. Jeder tritt einen Schritt aus seinem Leben und ist offen für neue Eindrücke und Erfahrungen. Wer möchte, kann auf andere zugehen oder wird von ihnen angesprochen. Man begegnet sich auf Augenhöhe, denn jeder ist nur ein Caféhausbesucher. Alles andere bleibt vor der Tür.
Die wirklichen Menschen treffe ich an diesen Nicht-Orten, zu denen auch zum Beispiel Bars gehören. Niemand verstellt sich hier auf Dauer - Anzüge, teure Accessoires sind schnell bröckelnde Fassaden, hinter denen sich Glück und Leid zeigen. Nicht-Orte sind Orte voller Möglichkeiten und Überraschungen. Deshalb bin ich gerne hier und schreibe. Und manchmal bleibt es nicht beim Schreiben....

Kommentare:

  1. Ja, das kann ich gut nachfühlen, obwohl ich nie allein in ein Café oder eine Bar gehe und somit nicht schreibe, maximal wie sonst auch diesen und jenen Einfall notiere.

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    1. Auch mit anderen zusammen sind ein Café oder eine Bar magische Orte. Man muss dort nicht unbedingt allein hingehen. Sie bieten genau den richtigen Rahmen für Einfälle - und es ist gut, diese Einfälle gleich dort zu notieren, damit sie nicht wieder in Vergessenheit geraten.

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