Dienstag, 13. Oktober 2015

Teilen wir uns die Welt, wie jeder sie braucht

„Das Glatte charakterisiert unsere Gegenwart“, behauptet Byung-Chul Han in einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit". Der Philosoph weiter: „Man will nicht verletzlich sein, man scheut jedes Verletzen und jedes Verletztsein. Man vermeidet Leidenschaft, und in Liebe zu verfallen ist schon zu viel Verletzung.“ Schließlich äußert er sich über Kunst: „Selbst die Kunst will heute nicht mehr verletzen. Heute entsteht eine Kultur der Gefälligkeit.“
Wenn dem so ist - und ich stimme Han mit einem Blick auf den Buchmarkt zu - wo ist dann die Bruchstelle, wo die Vision von Künstlern, wo die Utopie zur Veränderung?
Es fehlen in unserer Zeit die großen gesellschaftlichen Entwürfe. Nur ein Gedanke ist weit verbreitet: Besitzstandswahrung.

Shareconomy kann zur Shareworld führen

Vielleicht hilft uns die Wirtschaft aus dieser Misere. Ein Trend ist dort die sogenannte "Share Economy“, also das gemeinsame Nutzen von Gütern, wie zum Beispiel Autos oder Musik. Produkte werden nicht mehr wie früher gekauft, sondern nur für die Zeit der tatsächlichen Nutzung überlassen. Die Deutsche Messe AG hat dafür den eingängigen Begriff der „Shareconomy“ geprägt.
Wenn wir diesen Ansatz mit dem Flüchtlingsstrom verbinden, der gerade zu heftigen Diskussionen in Europa führt, haben wir möglicherweise eine neue große Utopie: Teilen wir uns die Welt, wie jeder sie braucht.

Machen wir uns auf den Weg

Vielleicht möchte ich mich ein Jahr in ein Kloster in Nepal zurückziehen und anschließend in Australien arbeiten, um Erfahrungen zu sammeln. Kein Problem, mein Arbeitsplatz in Deutschland wird in dieser Zeit von anderen Menschen genutzt und ich kann wieder voll einsteigen, sobald ich zurück bin. So könnten interessante und gewollte Wanderungsströme entstehen, die zu einem enormen Austausch von Wissen und zu tiefgreifenden sozialen Kontakten führen. Die Menschen lernen nach und nach, was sie aneinander haben, Vorurteile und Ängste werden abgebaut.
Wie jede Utopie, ist dieser Ansatz natürlich sehr weit von der Realität entfernt. Aber er ist ein lohnendes Ziel. Wir sollten uns dorthin auf den Weg machen.

Lassen wir Leidenschaft und Liebe wieder zu

Der Kunst fällt dabei unter anderem die Rolle zu, Diskussionen anzustoßen und zu begleiten - laut, heftig, mit Ecken und Kanten, verletzend und verletzlich. Wir brauchen keine Kulturindustrie, sondern Künstler, die um des Ausdrucks willens nicht vor Skandalen zurückschrecken - und nicht wohl kalkulierte Skandälchen nur wegen der Publicity und dem Marketingeffekt inszenieren. Künstler müssen ihrer Bestimmung wieder gerecht werden, Vordenker der Gesellschaft zu sein und sich das Recht herausnehmen, dabei auch gelegentlich auf die schiefe Bahn zu geraten. Wir brauchen wieder Wert, für die Menschen bereit sind, auf Barrikaden zu gehen. Oder um auf die philosophischen zu Beginn des Textes zurückzukommen: Wir müssen Leidenschaft und Liebe wieder zulassen, selbst wenn wir die eine oder andere Verletzung davontragen.