Samstag, 10. Oktober 2015

Utopie gegen Schreibblockade

Eine Schreibblockade ist nichts anderes, als die Angst vor der Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich. Schriftsteller schreiben nun einmal nur über sich selbst. Wer jetzt aufschreit und ruft: Ich schreibe Krimis, Thriller, Liebesromane, einfach ausgedachte Geschichten, der sollte bei Gelegenheit Verkäuferinnen beim Einpacken eines Geschenks beobachten.
An den vergangenen beiden Tagen hatte ich wieder die Gelegenheit dazu. Ich habe mir jeweils Bücher einpacken lassen, von zwei verschiedenen Mitarbeiterinnen einer Buchhandlung bei mir um die Ecke. Was soll ich sagen? Die Grundmaterialien wie Papier und Schleife waren identisch, das Ergebnis jedoch ein vollkommen anderes. Beide Verpackungen sahen auf ihre Weise gut aus und waren doch so unterschiedlich, wie die Frauen, die sie ausgeführt haben. Selbst das Einpacken von Büchern scheint also eine Frage der Persönlichkeit zu sein. Sagt da das Schreiben, angefangen bei der Themenwahl über die verwendeten Worte bis hin zum Stil nicht wirklich alles über den Schriftsteller?
Also keine Ausreden mehr. Wir geben uns unseren Lesern hin mit Haut und Haaren und wer will, kann uns ziemlich deutlich zwischen den Zeilen finden. Selbst wenn wir uns verstecken hinter schönen Worten und erfundenen Handlungen - auch darin findet man uns wieder.
Aber, liebe Leser, freut euch nicht zu früh: Was sagt die Auswahl von Büchern über euch aus, was eure Fragen auf einer Lesung? Und eure Bewertungen und Empfehlungen?
Wir alle verraten jeden Tag etwas über uns. Das macht uns menschlich und in gewisser Weise auch liebenswert. Wir verraten und damit die kleinen Symbole, mit denen wir uns verständigen und emotional annähern.
Weshalb sonst habe ich die beiden Verkäuferinnen angestrahlt und mich für die wirklich hübschen Verpackungen bedankt. So kommen wir von Mensch zu Mensch in Kontakt, so entstehen Freundschaften. Das ist auch der Grund, weshalb wir Liebesschriftsteller haben, die wir immer wieder lesen: Wir meinen sie zu kennen und wir verstehen ihr Sprache, kennen ihre Symbole.
Deshalb mögen viele Menschen keine Veränderungen - sie ersetzen vertraute Symbole durch neue. Das führt zu einer Neuordnung, die niemand mag, der seinen Platz gefunden hatte.
Diese einfache Erkenntnis erklärt übrigens auch, weshalb Schriftsteller ein Genre, in dem sie Erfolg haben und einen Stil, der bei ihren Lesern ankommt, selten verlassen, um mit Sprache und Inhalt zu experimentieren. Sie ziehen den sicheren Umsatz neuen Erkenntnissen vor. Wer könnte es ihnen verdenken.
Doch um mit einer Utopie zu enden: Wäre es nicht wunderbar, wenn wir alle den kleinen Aufmerksamkeiten um uns herum mehr Achtsamkeit entgegenbringen würden - wie den liebevollen Verpackungen, die wir in vielen Geschäften erhalten?
Meine Schreibblockade habe ich jedenfalls - eine Ironie an sich - mit diesen Gedanken hinweg geschrieben.