Mittwoch, 21. Oktober 2015

Wir sind die Kulturindustrie


In der "Dialektik der Aufklärung" warnt Theodor Adorno vor der Kulturindustrie. Er beschreibt sie als Organisation mit dem Interesse, das Publikum zu korrumpieren. Jede Kritik an Staat und Politik soll sie durch die Mechanismus der Massenunterhaltung zum Schweigen bringen. Jeder Leser mag für sich selbst beantworten, ob ihr das bis zum heutigen Tag gelungen ist.
Was Theodor Adorno vor rund 60 Jahren nicht vorhersehen konnte: Inzwischen sind wir alle die Kulturindustrie. Zumindest diejenigen von uns, die als sogenannte Künstler-Unternehmer ihre Werke selbst vertreiben. Das betrifft Schriftsteller genauso, wie Musiker, Maler und in gewissem Rahmen auch Filmschaffende. Hat sich dadurch an der Einschätzung Adornos etwas verändert?

Kunst wird zur austauschbaren Massenware

Nach meiner Beobachtung ist das künstlerische Niveau in den vergangenen Jahren durch die technischen Möglichkeiten des Internet eher gesunken. Das ist nachvollziehbar. Dadurch, dass jeder veröffentlichen kann, wird das künstlerische Schaffen zur Massenware. Doch in der Masse dominiert die Durchschnittlichkeit - was also zwangsläufig zu einer durchschnittlichen Kunst führt. Hinzu kommt: Jeder Künstler möchte seine Werke verkaufen und passt sich im eigenen Interesse dem Geschmack seines Publikums an. Einem Massenpublikum, also dem Durchschnittsgeschmack. Der Spielraum für experimentelle Kunst ist dadurch heute weitaus geringer, als noch vor ein, zwei Jahrzehnten. Gibt es überhaupt noch eine Avantgarde? Kunst ist zur austauschbaren Massenware geworden und wir alle sind an dieser neuen Art Kulturindustrie beteiligt.

Freiheit der Selbstausbeutung

Ein Berliner Philosoph hat vor kurzem geäußert, gegen Zwang beginnt man sich irgendwann zu wehren, nicht aber gegen Freiheit. Wir sind alle frei in der Selbstausbeutung - und das meine ich nicht materiell, sondern geistig. Anstatt Vordenker zu sein, bedienen Künstler heute zumeist die Vorurteile der Menschen und bestätigen sie in ihren Ansichten. Das ist gefährlich.
Zu allererst sollte sich jeder Künstler bewusst machen, dass er aktiver Teil der neuen Kulturindustrie ist. Dann kann er sich zumindest bewusst entscheiden, ob er das wirklich sein möchte oder mit seiner Kunst andere Wege beschreiten will. Meines Erachtens müssen wir wieder zu einer künstlerischen Subkultur finden, die in Frage stellt, neu denkt, anders lebt und die Gesellschaft verunsichert. Wir brauchen Künstler, die weniger Handwerker ihres Fachs, als vielmehr Querdenker sind.

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