Sonntag, 7. August 2016

Die "Malweiber" von Paris

Während des deutschen Kaiserreichs gingen viele Frauen nach Paris, um dort Malerei zu studieren. In Deutschland war ihnen das damals nicht gestattet. So machten sie sich in die Stadt der Liebe und der Kunst auf. Künstlerinnen wie Käthe Kollwitz, Paula Modersohn-Becker, Clara Rilke-Westhoff, Anja Kirchner-Kruse und andere trafen sich in den Ateliers und Akademien der Stadt. Bald war die Gruppe bekannt als die "Malweiber von Paris", wie sie sich auch selbst stolz nannten.

Die Frauen beschritten unterschiedliche Lebenswege

Im Rückblick betrachtet, muss es für die Frauen eine Wohltat gewesen sein, unter Gleichgesinnten zu leben und zu arbeiten. Zu einer Zeit, in der die Ansicht verbreitet war, es gebe zwei Arten von Malerinnen - die einen, die heiraten wollten und die anderen hätten auch kein Talent, war ein Zusammenhalt die einzige Möglichkeit, nicht an den eigenen Ideen zu verzweifeln. Die "Malweiber" waren Vorreiterinnen.
Sie betraten Neuland und hatten vieles zu entdecken. Doch die Gesellschaft hinter ihnen zerrte an den Frauen, um sie in ihre Reihen zurückzuholen. Die Malerinnen lernten Männer kennen und diese Männer wollten sie heiraten - manche aus Berechnung, um lästige Konkurrentinnen im Kampf um die Aufmerksamkeit des Publikums loszuwerden. Dann stellte sich Kinderwunsch ein und mit ihm die Frage nach dem Umgang in einer Familie. Manche Frauen kehrten der Malerei den Rücken, andere versuchten, ihre Kunst und ihre Kinder miteinander zu verbinden. Die Gruppe fiel auseinander, die Frauen beschritten die unterschiedlichsten Lebenswege. Alle suchten wie jeder Mensch nach Liebe, Anerkennung und Geborgenheit.

Ernsthafte Kunst überwindet Grenzen

Im Nachhinein die Entwicklung der Malerinnen nachzuvollziehen, ist leicht. Doch wer nie in den Schuhen eines anderen gegangen ist, kann sein Leben nicht beurteilen. Es muss sehr belastend gewesen sein, gegen das Rollenverständnis einer Gesellschaft zu leben und sich doch als Frau nicht verleugnen zu wollen.
Das scheint mir überhaupt ein Grundkonflikt jedes ernsthaften Künstlers zu sein: Das eigene Talent, die eigenen Ansprüche gegen Unverständnis, Ressentiments und vielerlei Schwierigkeiten zu behaupten. Wer nicht nur Unterhaltung oder Dekoration produziert, sondern um Ausdruck ringt und damit die Ansichten seiner Zeit überschreitet, muss Ablehnung und darauf beruhende Selbstzweifel aushalten, ohne den Blick für seine Kunst und Ideen zu verlieren. Manchmal muss ein Künstler auch Verzicht üben, weil er von gesellschaftlicher Normalität ausgeschlossen ist. Wer das nicht möchte oder kann, stellt früher oder später seine künstlerische Tätigkeit in Frage und übersteigert Konventionen. So hat sich Käthe Kollwitz während des Ersten Weltkriegs zur patriotischen Nationalistin entwickelt und Mathilde Vollmoeller-Purrmann geht nicht nur in ihrer Mutterrolle auf, sondern zieht auch über Malerinnen her, die versuchen, Kunst und Kinder unter einen Hut zu bringen.
Ernsthafte Kunst ist ein Überwinden von Grenzen. Sie wird immer auf Widerstand bei Menschen stoßen, die einen Rahmen für ihr Leben brauchen. Da der Zweck von Gesellschaften ist, diesen Rahmen für ihre Mitglieder vorzugeben, stoßen Künstler oft auf Ablehnung in einer Gesellschaft. Sie müssen damit zurechtkommen oder sich der Gesellschaft andienen. Beides fordert seinen Preis. Manchmal in ein und derselben Person, denn selbst Avangadisten werden gelegentlich von einer gesellschaftlichen Entwicklung eingeholt, sind plötzlich anerkannt und etabliert. Dann noch Neues zu schaffen, ist nur wenigen gegeben.

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