Mittwoch, 3. August 2016

Neue Blickwinkel

Grenzen zu akzeptieren fällt schwer. Besonders künstlerische Arbeiten sollten grenzenlos sein. Doch es gibt viele Grenzen. Beispielsweise ist die Zeit eine Grenze - von der Zeit, die wir täglich zur Verfügung haben, über die Zeit, die wir maximal auf ein Projekt verwenden können, bis zu unserer Lebenszeit, die endlich ist. Eine weitere Grenze, die sich direkt draus ergibt, ist die Länge eines Buches. Selbst das beste Werk stößt hier irgendwann an eine Grenze. So endet „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust nach rund 4000 Seiten und "Harry Potter" bereits nach ungefähr 3000 Seiten. Vielmehr ist Lesern wahrscheinlich auch nicht zuzumuten.

Die Grenzen in unseren Köpfen

Doch die weitaus bedeutenderen Grenzen sind die in unseren Köpfen. Haben Sie schon einmal versucht, sich eine Zivilisation von Außerirdischen vorzustellen? Sie werden ihr unweigerlich ähnliche Strukturen geben, wie die menschliche Gesellschaft sie aufweist - weil Sie sich aus Ihrem Erfahrungshorizont heraus schwerlich etwas anderes ausdenken können. Deshalb sind Aliens in Filmen bei aller fremdartigen Ausschmückung doch immer irgendwie den Lebensformen angenähert, die wir im entferntesten kennen.
Die Grenzen in unseren Köpfen sind es also, die wir einerseits akzeptieren, aber auch immer weiter hinausschieben müssen.

Spannung und Faszination durch verschobene Grenzen

Nur wer neue Blickwinkel findet, schafft in der Kunst etwas von Wert, das über Unterhaltung oder Dekoration hinausgeht. So setzte Philip K. Dick zum Beispiel gegen die Technikgläubigkeit seiner Zeit mit seinen Romanen ein Gegengewicht, das erst heutige Leser und Zuschauer verstehen und würdigen. Arthur Miller wiederum fand in der weit zurückliegenden Geschichte Parallelen zur Kommunistenhetze im Amerika der 1950er Jahre und schrieb sein Theaterstück „Hexenjagd“.
Künstler sollten keine Grenzen akzeptieren, sich aber sehr wohl bewusst sein, dass sie Zeit ihres Lebens an Grenzen stoßen werden. Aus dieser Diskrepanz ergibt sich Spannung und die Notwendigkeit zum Schreiben. Daraus entwickelt sich die Faszination für einen Künstler. Das ist es letztlich, was Schriftsteller, Maler und andere Kunstschaffende ihrem Publikum mitzuteilen haben: Grenzen, die in Frage gestellt und verschoben werden.

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