Dienstag, 2. August 2016

Unvollendet perfekt

Die meisten Kunstwerke sind unvollendet - zumindest in den Augen ihres Urhebers. Das eigene Werk hat immer Ecken und Kanten, die einem neutralen Leser oder Betrachter nicht auffallen. Doch der Künstler selbst sieht das Potenzial, das er noch ausschöpfen kann.
Wenn ich einen älteren Text von mir lese, bin ich einerseits verwundert, dass er von mir stammt, da ich ihn fast mit fremden Augen wahrnehme. Andererseits fällt mir vieles auf, das ich jetzt anders schreiben würde. Genauso ergeht es mir mit meinen Bildern: An einigen gehe ich jeden Tag vorbei und finde zielsicher die Stellen, die meines Erachtens nicht so gut gelungen sind.
Das ist auch richtig. Nur auf diese Weise entwickelt sich ein Künstler fortlaufend weiter. Sobald er mit sich zufrieden ist, wiederholt er ständig Themen und Stil. Selbst herausragende Künstler können ihr Niveau dann nicht mehr halten. Wer bei der Suche nach Neuem in der Kunst innehält und sich etabliert, verliert gewöhnlich an Originalität und Ausdruck.
In den Augen eines Künstlers sollte sein Werk also nie vollendet sein. Er beendet ein Bild oder ein Buch stets in dem Bewusstsein, es weiter verbessern zu können. Mit diesem Wissen beginnt er seine nächste Arbeit und wird einen Schritt vorankommen - bis er an seine eigenen Grenzen stößt.

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