Freitag, 9. September 2016

Die Angst des Schriftstellers vor der Sprache

PublicDomainPictures / Pixabay
Bücher entstehen zuerst im Kopf eines Schriftstellers. Die Geschichte entwickelt sich in Tagträumen und auf Notizzetteln. Sie fügt sich zusammen und die Figuren gewinnen allmählich an Konturen, werden lebendig. Das ist der Moment, in dem der Prozess des Schreibens beginnt - oder zumindest beginnen sollte.
Doch mit dem allerersten Wort beginnt sich der Roman zu materialisieren. Er ist nicht mehr nur eine nebulöse Idee, sondern nimmt Form und Struktur an. Plötzlich wird er auch für andere Menschen sichtbar. Mit dem ersten Wort ändert sich einfach alles. Unendliche Möglichkeiten verdichten sich zu einem bestimmten Buch.
Das ist der eine Aspekt der Angst vor dem Schreiben. Der andere heißt: Versagen. Jedes Wort kann die Idee konterkarieren, die Geschichte unlogisch fortführen und der Lächerlichkeit preisgeben. Der geschriebene Text klingt darüber hinaus in den Ohren des Schriftstellers meist abgeschmackt und banal. Was, so fragt er sich des öfteren beim Schreiben, bleibt noch von meinen Gedanken. Was in seinem Kopf interessant und spannend war, wirkt auf dem Papier nur noch fade und langweilig.
Es ist die Sprache, die nicht richtig greifbar ist. Es fehlen die Worte. Alles passt nicht ineinander, zueinander. Die Iden im Kopf lassen sich nicht mit Sprache ausdrücken. Vor allem Gefühle lassen den Schriftsteller oft verstummen, weil sie nach der Übersetzung in Sprache nicht mehr dieselben sind.

Die Dimension der Gefühle

Es ist also genauso die Aufgabe eines Schriftstellers, Geschichten zu erzählen, als auch wie ein Bildhauer die Sprache zu bearbeiten und zu einem Kunstwerk zu formen. Aus diesem Grund ist es sehr schwer zu schreiben. Das Alltägliche lässt sich leicht in Sprache ausdrücken, wenn es um die Abwicklung des Lebens geht. Doch bereits ein wenig unterhalb der Oberfläche des Organisierens und Abarbeitens, dort, wo die Gefühle schon etwas hineinspielen, wird die Sprache ungenau und der Schriftsteller muss sehr kreativ werden, um auszudrücken, was er wirklich meint.
Nach Ludwig Wittgenstein ist die Welt alles, was der Fall ist. Das lässt sich logisch mit Sprache erfassen. Doch jenseits dieser materiellen Verständnisses beginnt nach den drei räumlichen und der zeitlichen Dimension, diejenige der Gefühle. Hier versagen unsere normalen Ausdrucksmöglichkeiten. Deshalb muss jeder ernsthafte Schriftsteller für jedes seiner Bücher Sprache neu erfinden.

Niemand hat Sprache ganz im Griff

Das ist die vielleicht größte Angst beim Schreiben: Den eigenen Anforderungen an eine gute Geschichte nicht gerecht zu werden, weil die Transformation von Gefühl in Sprache nicht funktioniert. Deshalb sitzt er oft am Schreibtisch und grübelt, ohne etwas niederzuschreiben. Er hat viel zu sagen, aber nichts zu schreiben. Er ringt der Sprache erst die richtigen Worte ab. Beginnend mit dem ersten Wort auf einem leeren Blatt Papier. Zufrieden sein wird er nie mit einem Buch, denn der Ausdruck ist nie perfekt. Doch vielleicht erzählt er trotzdem eine Geschichte die berührt. Anders möglicherweise, als beabsichtigt, aber doch interessant und schön. Denn das ist eine andere Eigenschaft von Sprache: Auch mit den besten Absichten, hat sie niemand je ganz im Griff und deshalb verselbständigt die sich manchmal und erzählt ihre eigene Geschichte.