Montag, 19. September 2016

Im Klartext liegt eine große Stärke

geralt / Pixabay
Wir sind gewohnt, uns verklausuliert auszudrücken. Nicht nur in Arbeitszeugnissen und anderen Texten. Schon auf die Frage: „Wo warst du?“ finden wir oft keine einfache Antwort oder weichen aus. Weil es uns unangenehm ist? Weil wir uns verstecken? Weil wir nicht anders können, als unser Leben zu verschleiern? Vielleicht wissen wir es auch nicht besser und kennen die Wahrheit über unser Leben selbst nicht - oder wollen sie nicht wissen. Sicher ist, wir schützen uns vor unangenehmen Bemerkungen, Anforderungen und Nachfragen. Doch weshalb, wenn wir nichts zu verbergen haben? Wir haben etwas zu verbergen. Uns.

Wir zensieren und selbst

Es gibt vor allem zwei Gründe, wenig offen auszusprechen: Wir überschreiten Grenzen oder geben zu viel preis. Von klein auf lernen wir die Demarkationslinien der gesellschaftlichen Sitten und der Privatsphäre kennen. Irgendwann schätzen wir beide - weil sie uns schützen und es uns nicht mehr in den Sinn kommt, dass sie uns zensieren. Schließlich zensieren wir uns selbst, freiwillig. Das führt dazu, dass wir uns immer wieder mit Menschen treffen, die wir nicht mögen oder die uns langweilen - aber wir sagen es ihnen nicht und vergeuden mit ihnen unsere Lebenszeit. Im Job lassen wir uns auf der Nase herumtanzen, weil wir weder Kollegen, noch Vorgesetzten sagen, dass sie keine Ahnung haben. Stattdessen ziehen wir das Projekt durch, obwohl wir wissen, dass es scheitern wird. Zuhause loben wir überschwänglich das Essen, auch wenn es uns nicht schmeckt.

Die Perspektive des eigenen Denkens

Wir haben gelernt, uns oft in uns zurückzuziehen und den Mund zu halten, weil es in der Regel das unauffälligste und einfachste Verhalten ist. Im Zweifel passt immer die Antwort: „Weiß ich nicht.“ Wir mogeln uns heraus und stehen für nichts.
Klartext wird selten gesprochen - meist nur im Streit oder unter Alkoholeinfluss. Das ist schade. Denn Klartext hat zwei Vorteile: Die Reaktion anderer ist meist grandios, weil sie überrascht werden und die Perspektive des eigenen Denkens wir plötzlich unendlich weit. Diese Aussicht allein ist schon den Versuch wert, in vielen Situationen Klartext zu reden, es zumindest zu versuchen. Dabei heißt Klartext: Aussprechen, was wir wirklich denken. Ein gewisses Taktgefühl müssen wir dabei nicht außer Acht lassen. Doch sollten wir mit Wissen und unserer Meinung nicht hinter dem Berg halten. Es ist doch auch unwahrscheinlich, dass uns jedes Kleid gefällt, das eine Frau trägt oder wir keine kritischen Anmerkungen zu einem Vortrag haben. 

Die Sprache der Schriftsteller

Auch für Autoren ist es wichtig, Klartext zu schreiben. Allzuoft wird der Mangel an Aussage oder Ausdruck hinter komplizierten Sätzen versteckt. Das ist meist kein Stilmittel, sondern absolute Hilflosigkeit und in der Hoffnung geschrieben, niemand möge es hinterfragen. Macht sich ein Leser dennoch die Mühe, findet er hinter den scheinintellektuellen Phrasen nur ein Vakuum. Also, Misstrauen ist angeraten, wenn die Sprache eines Schriftsteller kompliziert und artifiziell ist.
Es ist gut, so oft wie irgend möglich kein Blatt vor den Mund zu nehmen, sondern Klartext zu reden und zu schreiben. Zuguterletzt macht es auch Laune. Aussprechen, was ist und nicht um den heißen Brei herumzureden verunsichert viele Menschen sinnvoll und hat einen interessanten Effekt: Diese Menschen beginnen plötzlich selbst, Klartext zu reden und erzählen oft interessante Geschichten