Montag, 5. September 2016

Kreativität nutzt Massengeschmack

Ben_Kerckx / Pixabay
Isaac Asimov nannte es in seinen Foundation-Romanen „Psychohistorik“: Die Fähigkeit, Aspekte der Zukunft durch die Analyse von Massenverhalten vorherzusagen. Natürlich ist das auch heute noch weitestgehend Fiktion - im Großen, denn in Teilaspekten unseres Lebens sind Gesellschaft und einzelne Menschen bereits sehr transparent geworden. Wahlprognosen zum Beispiel sind erstaunlich genau und das Kaufverhalten individueller Kunden lässt sich auch schon recht gut einschätzen, zu erkennen an der gezielten Online-Werbung, die mittlerweile fast jeden beim Surfen durch das Internet verfolgt.

Zu großen Einfluss darf der Masse nicht eingeräumt werden

Die Zukunft hat also längst schon begonnen. Jeder Autor kann das für sich nutzen. Die Zauberworte heißen Messen und Auswerten. Wie? Ganz einfach. Zum Beispiel Fotos ins Netz stellen und die Likes zählen. Welche Motive kommen an und welche werden nur wenig beachtet? Dasselbe gilt für Posts, Kommentare und natürlich auch für Bücher. Wichtig ist dabei ein gewisser Vergleich. Wie viele Likes erzielen andere Fotos oder Beiträge?
Das ist allerdings nur der erste Schritt. Schwieriger ist es, die gewonnenen Informationen sinnvoll zu nutzen. Um beim Beispiel Fotos zu bleiben: Nach und nach werden durch die Like-Prüfung diejenigen Motive identifiziert, die bei der Masse der Betrachter besonders gut ankommen. Was an den Motiven spricht die Menschen an? Es muss nicht der konkrete Inhalt sein, sondern Licht, Farbe, unter Umständen Mimik und Gestik spielen eine wichtige Rolle. Beim nächsten Fotoshooting kann all dies berücksichtigt werden - und zwar ohne der Masse zu großen Einfluss auf die konkrete Bildauswahl zu geben.

Kreativität gegen Massengeschmack

Gleiches gilt natürlich für Texte oder Auftritte. Die Masse gibt Hinweise, was gut ankommt. Doch sie sollte nicht zu viel hofiert werden. Es besteht die Gefahr, dass die Authentizität des einzelnen Autors verlorengeht und er dadurch schnell austauschbar wird. Deshalb: Die menschliche Gesellschaft als Masse kann Anhaltspunkte für gewisse Trends in der Vermarktung von Kunst liefern, sie darf aber niemals das Verhalten eines einzelnen Künstlers zu sehr beeinflussen. Ansonsten wird aus Kunst Massenware und austauschbare Künstler produzieren nur noch triviale Waren der Kulturindustrie.
Der Versuch, den Geschmack der Masse zu treffen kann im Gegenteil auch sehr kreativ sein. Denn er setzt voraus, unter anderem mit verschiedenen Stilen und Genres zu experimentieren. Das geht am Besten mit Kurzgeschichten. Verschiedene Ansätze zur Auswahl stellen und beobachten, was passiert. Wie gesagt: Die Masse gibt Hinweise, aber sie entscheidet nicht. Doch je kreativer diese Hinweise umgesetzt werden, desto ungewöhnlicher und damit interessanter sind die Ergebnisse einer künstlerischen Arbeit.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen