Freitag, 30. September 2016

Kunstsprache

geralt / Pixabay
Literarische Sprache ist eine Kunstsprache, die wie alltägliches Gerede klingt. Sie ist stilisiert und hochgeradig artifiziell. Jeder Schriftsteller sucht nach dieser Sprache, seiner eigenen Sprache, seiner persönlichen Stimme. Nur wenige finden sie.
Als ich neulich im Theater war, ist es mir wieder aufgefallen: Oft ist die Sprache nicht echt, nur von der Straße kopiert, aber nicht authentisch. Eine authentische literarische Sprache ist eine, die zu den handelnden Figuren passt. Und weil diese Figuren und ihre Geschichten erfunden sind, muss der Autor auch ihre Sprache dazu erfinden. Er mag dabei Anleihen im Alltagsgerede machen, schaut sich vielleicht den einen oder anderen Ausdruck ab - doch wenn er nicht gerade eine Biographie schreibt, sollte er damit äußerst behutsam umgehen.

Literarische Sprache dient dem Ausdruck

Viele Schriftsteller haben sich große Gedanken um die Sprache gemacht. Das ist es letztlich, was ihre Werke auszeichnet und besonders macht. Die Leser haben das Gefühl, mitten im viktorianischen England oder am Küchentisch einer Mittelklassefamilie zu sein, sie haben eine genaue Vorstellung, wie die Menschen miteinander umgehen und reden. Sie können sich die Gesellschaft dieser Menschen vorstellen und glauben, unter ihnen zu leben. Doch sie wären vermutlich enttäuscht, würde es sie wirklich in diese Kreise verschlagen. Die Bücher enthalten Kunstwelten mit einer literarischen Sprache, die sich vielleicht einer bestimmten Gesellschaft annähern, sie aber gleichzeitig idealtypisch darstellen, sie sozusagen auf die Spitze treiben. Das prägt zwar unsere Ansicht von einer Zeit oder einer Region, entspricht aber nur in Ansätzen der Realität.
Das ist auch gut so. Denn die literarische Sprache dient dem Ausdruck und schafft Atmosphäre, während die Alltagssprache zur Verständigung über alltägliche Abläufe und Gegebenheiten beiträgt. Diese unterschiedlichen Sprachen sind zwei grundverschiedene Dinge. Wer sie verwechselt, trägt zur Erheiterung bei, schafft aber weder ein Werk, noch kann er sich damit in normalen Gesprächen verständigen. 

Glaubhafte Sprache, glaubhafte Geschichten

Literatur ist in Sprache geronnenes Leben. Wir verlieren uns in ihr und sie trägt Gedanken in die Welt. Sie ist ein Paralleluniversum, das einen gewissen Einfluss auf uns ausübt. Doch sie ist durch und durch künstlich und das drückt sich zu allererst in ihrer Sprache aus. Sie unterscheidet sich von unserer - und sei es nur in Nuancen - damit sie glaubhaft ist und eine glaubhafte Geschichte erzählen kann. Wer die Alltagssprache für ein Buch oder Theaterstück verwendet, schreibt keine Literatur, sondern im besten Fall eine Reportage.
Jeder ernsthafte Schriftsteller sollte also Zeit darauf verwenden, sich Gedanken um seine künstlerische Sprache zu machen. Das ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg, zu einem aussagekräftigen Werk.