Dienstag, 13. September 2016

Leben in der Öffentlichkeit

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Telefonieren in der U-Bahn? Selbstverständlich. Laut Musik hören auf einer Parkbank? Natürlich. Streiten im Restaurant. Vollkommen normal. Die Menschen leben heute öffentlicher, als noch vor vielleicht 20 Jahren. Sie passen sich damit den Gegebenheiten und Möglichkeiten an. Seit zum Beispiel die Mobiltelefonie allgegenwärtig ist, verlieren Menschen immer mehr die Scheu, öffentlich auszusprechen, was sie bewegt. Angefangen bei den Krankheiten ihrer Freunde über den Ärger auf der Arbeit mit den Kollegen bis zu ihren finanziellen Angelegenheiten. 

Jeder kann von sich reden machen

Auch die sozialen Netzwerke haben an dieser Entwicklung ihren Anteil. Schon in den 1990er Jahren haben Menschen plötzlich öffentlich Tagebuch geführt, weil die Technik, aus der später die Blogs hervorgingen, dazu eingeladen hat. Heute berichten sie auf Facebook, YouTube & Co. über die verschiedensten (und auch privatesten) Aspekte ihres Lebens.
Es ist also nicht länger Prominenten vorbehalten, Teil des öffentlichen Klatsches zu sein. Im Grunde kann jeder von sich reden machen. Da die wenigsten Menschen aber irgendein wirkliches Talent haben oder in einem Bereich richtig gut sind, heischen viele mit den verrücktesten Einfällen und Mitteln um ein wenig Rampenlicht und zeitweise Berühmtheit. Die meisten werden damit ehe berüchtigt, denn zu einem Star.
Öffentliche Aufmerksam ist ein Massenphänomen geworden. Die Medien gaukeln vor, dass jeder es schaffen kann, ein Superstar zu werden. Dabei beuten sie die Möchtegern-Berühmtheiten aus, solange an ihnen zu verdienen ist, um sie dann schnell fallen zu lassen.
Die Menschen scheinen vergessen zu haben: Berühmtheit ist mehr Fluch als Segen. So tragen sie ihr Leben in die Öffentlichkeit und bemerken selten, wie lächerlich sie sich damit machen. Talentlose Sänger, bewegungslahme Tänzer, witzlose Comedians - die Gesellschaft hat Fremdschämen heute zu einer kollektiven Freizeitbeschäftigung erkoren. Wir ergötzen uns an zumeist naiven, unbedarften Nichtkönnern, die glauben, die Welt möge und bewundere sie.

Einen Datenchip für alle Menschen

Die Öffentlichkeit wird immer mehr zur Bühne und wir gewöhnen uns daran, mitzubekommen, welche Krankheiten unser Sitznachbar in der U-Bahn mit seinem Gesprächspartner am Telefon bespricht. Einerseits fordern wir Datenschutz, doch gleichzeitig geben wir sehr viel mehr von uns preis, als Behörden oder Unternehmen derzeit von uns fordern. Vor dreißig Jahren gab es noch massive Proteste wegen einer Volksbefragung. Heute machen wir uns selbst für alle Welt gläsern. Wie weit wird diese Entwicklung gehen? Ich vermute, in ein paar Jahren tragen wir alle einen Chip mit all unseren Daten unter der Haut - wie heute schon Hunde.