Montag, 12. September 2016

Wie ein Schreibender zum Schriftsteller wird

TeJyng / Pixabay
Schreiben kann jeder, aber nicht jeder ist ein Schriftsteller. Woher weiß also einer, der schreibt, dass er ein Schriftsteller ist? Eine Antwort auf dieser Frage habe ich in Joel Dickers Roman „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ gefunden. Auf Seite 65 steht: „Das weiß man nicht. Die anderen sagen es einem.“
Stimmt das wirklich, verleihen andere das Prädikat „Schriftsteller“ und bis dahin ist man keiner? Nun, das kommt ganz auf die Perspektive an, würde ich meinen. Wenn man einen Schriftsteller als jemanden definiert, der in einem Verlag veröffentlicht, eine gewisse Menge an Büchern verkauft, von Literaturkritikern in renommierten Zeitungen rezensiert wird und gelegentlich den einen oder anderen Preis bekommt, dann kommt es natürlich nur auf den Zuspruch von außen an. Der Schreibende erhält dann sozusagen den Ritterschlag mit zunehmendem Erfolg.

Schriftsteller kann auch einer sein, der kein einziges Buch veröffentlicht

Doch das ist nur die wirtschaftliche Betrachtungsweise. Liegt der Fokus hingegen auf der Ernsthaftigkeit des Schreibens, dem Ausdruck der Texte und dem Lebensgefühl eines Autors, kann ein Schriftsteller durchaus jemand sein, der zwar kein einziges Buch veröffentlicht oder wenn doch, dann nur mit mäßigem Erfolg, sich aber doch als Schriftsteller fühlt und das zurecht, denn er arbeitet und lebt als Künstler. Ein Beispiel dafür ist Philip K. Dick, der zu Lebzeiten zwar rund 40 Romane geschrieben hat - unter anderem die Vorlagen für Filme wie Matrix, Blade Runner und Total Recall - doch nur bei einer kleinen Fangemeinde Bekanntheit erlangte.
Doch warum soll ein Künstler, der augenscheinlich seiner Zeit voraus ist, kein Schriftsteller sein? Dick hat das nur niemand gesagt, weil keiner es erkannt hat.

Vorsicht vor Klischees und Schlagworten

Im Grunde ist ein Schriftstelle eher jemand, der sich als einer fühlt, als jemand, der dazu von außen bestimmt wird. Denn hinter einem Bestseller muss kein Schriftsteller stehen. Den kann auch jemand schreiben, der zufällig den Publikumsgeschmack trifft, obwohl vielleicht nicht mehr dahintersteckt, als ein triviales Buch, mit dem Geld verdient werden soll. Marketing und Werbung führt heute viel eher zu einem Erfolg auf dem Buchmarkt, als die wirkliche Kunst eines Schriftstellers.
Daher: Es sind nicht alle Schriftsteller, die als solche bezeichnet werden. Umgekehrt kann manch unbekannter Autor ein bedeutender Schriftsteller sein. Das heißt, für Leser gibt es viel zu entdecken, vorausgesetzt sie folgen nicht nur dem Mainstream, sondern machen sich neugierig auf die Suche und scheuen auch vor dem einen oder anderen Missgriff nicht zurück.
Und noch eines: Vorsicht von Klischees und Begriffen, die als Schlagworte verwendet werden. Sie sind meist ihres wirklichen Inhalts enthoben.