Samstag, 1. Oktober 2016

Die Geträumten

Negative Space / Pexels
Im vorherigen Post habe ich über die Kunstsprache in der Literatur geschrieben. Wo könnte diese Sprache ausgefeilter sein, als in der Lyrik? Vielleicht in einem Briefwechsel zweier Lyriker, bei dem es vor allem um ihre Liebe geht. So wie bei Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Kurz nach ihrem Kennenlernen im Mai 1948 schrieb sie ihm: "...und nehm Deinen fremden, dunklen Kopf zwischen meine Hände und möchte Dir Steine von der Brust schieben, Deine Hand mit den Nelken freimachen und Dich singen hören“. Worte, die sich in unserer heutigen Welt seltsam fremd anhören - und doch auch irgendwie vertraut. Denn Liebe ist zeitlos, grenzenlos.

Stellvertreter wahrer Liebe

Liebe ist eine große Kraft - und ein ebenso großes Geheimnis. Bachmann und Celan haben es mit Worten zu ergründen versucht. Sie haben es durchlebt und durchlitten - in allen Facetten: vom Glück der Liebe und den Emotionen, die sie freisetzt, bis zu ihrer destruktiven Kraft der Zerstörung. Stellvertretend für viele Menschen denn nicht alle können eine solche Liebe empfinden oder aushalten. Liebe vereint alle Gefühle dieser Welt - zu viel für die meisten Menschen, die eher auf einen festen Rahmen und Normalität in ihrem Leben setzen.
Liebe ist alles andere, als normal. Liebe ist Absolutheit. In der Liebe findet sich das ganze Glück und der ganze Schrecken dieser Welt - zur gleichen Zeit und in aller Gewalt auf die Liebenden gerichtet. Das auszuhalten, überhaupt zu verstehen, erfordert ein großes Herz und einen scharfen Verstand.

Erleben und Erleiden der Liebe

Deshalb gibt es Stellvertreter, Menschen, die eine solche Liebe erleben und erleiden, damit sie anderen davon berichten. Romeo und Julia zum Beispiel im gleichnamigen Stück von Shakespeare. Oder eben Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Die Menschen sehnen sich nach Liebe, die meisten sind aber nicht in der Lage, sie überhaupt auszuhalten. Also träumen sie davon und erleben sie durch andere.
Der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan ist genau das: ein Erleben und Erleiden der Liebe, ein Ringen um Liebe und ein Einfangen der Gefühle mit Worten. Dabei gehen beide sowohl emotional, als auch verbal an ihre äußersten Grenzen, überschreiten sie sogar. Ingeborg Bachmann kommt später zu der Erkenntnis: Liebe wird von außen zerstört, weil die Gesellschaft wahre Liebe nicht ertragen kann und deshalb nicht duldet.
Aktuell ist der Briefwechsel jetzt, weil er von Ruth Beckermann verfilmt wurde. Die Schauspieler Anja Plaschg und Laurence Rupp lesen vor der Kamera den Briefwechsel, werden dabei und in den Pausen von der Kamera begleitet. Wie erleben sie die Emotionen, was macht die fremde Liebe mit Ihnen? Ein spannendes Experiment, das unter dem Titel „Die Geträumten“ Ende Oktober in die deutschen Kinos kommt.
Übrigens ist der Birefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan auch unter dem Titel „Herzzeit“ auch als Buch erschienen.