Freitag, 7. Oktober 2016

Die Schlüssel der Kunst


Daniel Krieg / 500px
Künstler entfliehen der Welt, indem sie beschreiben und ziehen ihr Publikum mit sich. Denn die Welt, wie wir sie alltäglich erleben, schränkt uns ein. Wir wollen ausbrechen und suchen die Weite. Der Künstler ohne Netz und doppelten Boden, sein Publikum meist aus sicherer Entfernung.
Die Menschen hungern nach etwas, das sie nicht sehen und nicht haben können. Künstler geben es ihnen zu einem verhältnismäßig niedrigen Preis. Es ist das Eintrittsgeld in eine andere Welt. Doch wenn die Flucht gelingt, wirklich gelingt, bezahlt das Publikum später mit unstillbarer Sehnsucht und unter umständen einem von Grund auf veränderten Leben.

Künstler und ihr Publikum teilen ein Lebensgefühl

So wird die Flucht manchmal zu einem Weg und ein Buch, ein Film, ein Bild, ein Stück Musik zu einem Wegweiser. Aus Gedanken entstehen Handlungen und für einen Moment ist Kunst nicht Fiktion, sondern magische Wirklichkeit.
Kunst öffnet Türen: mit dem Schlüssel des Geistes und dem Schlüssel des Herzens. Sie ist manchmal im Schweren beheimatet und ein andermal schwebt sie leicht durch die Lüfte. Ein einziges Bild kann tausend Augen öffnen, ein einziges Buch tausend Herzen entflammen. Was als Flucht aus der eigenen Realität beginnt, wird möglicherweise zu einer neuen Heimat.
Plötzlich teilen Künstler und ihr Publikum ein Lebensgefühl und ihre Flucht endet mit einem Verstehen, einem Ankommen. Das ist der Augenblick, in dem Kunst nicht nur die Welt beschreibt, sondern die Welt ist.