Sonntag, 2. Oktober 2016

Wie Sonne und Schatten


Jürgen Cordt / 500px
Leben - Kunst: Kunst - Leben. Unüberbrückbare Gegensätze? Von Philip K. Dick ist bekannt, dass er sich von Hundefutter ernährte und Drogen konsumierte. Ingeborg Bachmann vergaß auf ihrer Reise nach Amerika ihren Pass. Vincent van Gogh schnitt sich ein Ohrläppchen ab. Viele Künstler starben jung, weil sie das Leben nicht ertrugen - oder das Leben nicht sie.
Trotzdem sind Leben und Kunst sind keine Gegensätze, sie bedingen sich wie Sonne und Schatten. Gibt es auf dieser Welt etwas extremeres als Leben? Nein. Leben ist das Extremste, das diese Welt je hervorgebracht hat. Es ist extremer, als Vulkanausbrüche, Erdbeben und andere Naturerscheinungen. Weil es so extrem ist, versuchen viele Menschen, es in einen festen Rahmen zu pressen. Einem Rahmen, der Überraschungen ausschließt und Unannehmlichkeiten. Sie ziehen ein langweiliges, gefühlsarmes Leben dem Extrem vor, das Leben ist und sperren das eigentliche Leben damit aus. Sie leben kaum, sie glauben nur zu leben und ein Leben zu haben.

Kunst schöpft das Leben aus

Anders ernsthafte Künstler: Sie schöpfen das Leben in seinem Extrem aus und sprengen den Rahmen, den jede menschliche Gesellschaft vorgibt. Wozu ein Pass? Weshalb keine Drogen? Warum nicht die Gesundheit ruinieren und lichterloh brennen für die eigenen Ideen? Weshalb ein langes Leben führen, wenn auch in kurzer Zeit alles gesagt und erlebt werden kann?
Nein, Leben und Kunst sind keine Gegensätze. Kunst ist nur auch die Kunst, das Leben auszuschöpfen - bis zur Neige und nicht nur bis zur Rente. Kunst ist Leben und Leben ist Kunst. Dagegen ist die bürgerliche Gesellschaft nur ein Konstrukt, das Leben zu zähmen und aus Angst vor dem Leben und vor allem dem Tod möglichst alt zu werden. Sie ist der Bodensatz des Lebens, der Humus und Nährstoff für die Kunst. Sie verleugnet das Leben und pervertiert es. Doch darin liegt ihre Bedeutung als Gegenentwurf zum Leben und zur Kunst, die das Leben feiert. 

Ernsthafte Künstler stehen für das Leben in seiner extremsten Form

Die bürgerliche Gesellschaft verlacht das Leben und lässt damit erst die Kunst entstehen. Sie braucht Künstler und ihre Kunst, um überhaupt am Leben teilzuhaben, weil sie aus sich selbst heraus die Schönheit im Extrem nicht kennt, sondern ein Pseudoleben zelebriert, dem sie erst eine Bedeutung geben muss, zum Beispiel in der Idee des Nationalen.
Ernsthafte Kunst kennt keine Grenzen, sondern respektiert das Leben in all seinen Formen und Facetten. Sie ist dem Leben zugewandt. Das zeichnet Kunst vielleicht am meisten aus. Deshalb sind Künstler auch nicht lebensfremd, sondern kommen nur nicht in einer lebensfeindlichen Gesellschaft zurecht. Macht, Intrigen, Politik und Kriege sind nichts für sie. Die Instrumentarien der bürgerlichen Gesellschaft sind ihnen fremd. Sie stehen für das Leben - und das manchmal in seiner extremsten Form. Es ist nicht das Nichts, das sie inspiriert, sondern das Alles.