Mittwoch, 5. Oktober 2016

Wir biegen uns die Welt zurecht

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Kunst ist nicht das Abbild des wirklichen Lebens. Obwohl sie unsere Gedanken und Vorstellungen widerspiegelt, ist sie doch ein Konstrukt oft überbordender Fantasie, die Verknüpfungen herstellt, die real nicht oder noch nicht möglich sind. Die weitestgehenden Beispiele sind Fantasie und Science Fiction. Doch auch in wirklichkeitsnahen Büchern, Filmen oder Bildern werden Tatsachen durch Stilisierungen ersetzt. Kunst erschafft eine eigene Welt, die sich bestenfalls an das, was wir die Welt nennen, anlehnt.
Wir biegen uns die Welt mit Kunst zurecht. Die Guten sind gut und die Bösen böse - doch meist ist jeder gerade noch sympathisch genug, dass sich das Publikum mit allen Figuren identifizieren kann. Denn Kunst erschafft eine idealtypische Welt. Sonst würden die ausgedachten Geschichten auch nicht funktionieren. Gerade im Theaterbereich gab es deshalb immer wieder Experimente, um dem Publikum deutlich zu machen, dass es nur einem Stück beiwohnt und keiner wahren Geschichte. Doch es stellte sich heraus, dass die Zuschauer abtauchen möchten in eine andere Welt, um ihrem Alltag zu entfliehen. Kunst ist eben auch Flucht.

Kunst ist nicht zweckfrei

Vor allem ist aber Kunst auch ein Zaubertrick, pure Magie. Manchmal hebt sich allerdings der Vorhang für einen kurzen Moment und lässt das Publikum den Trick erkennen. Etwa, wenn die Schneeflocken auf dem Hut einer Figur im Film nicht schmelzen, auch wenn er ein warmes Zimmer betritt. Oder wenn sich ein Schauspieler auf der Bühne verspricht. Auch Rechtschreibfehler in einem Roman können Leser vollkommen aus dem Konzept bringen.
Doch grundsätzlich ist das Konzept des Idealtypischen richtig für das Konstrukt Kunst. In einer künstlichen Welt sind die Regeln eben andere und der Blick von Künstler und Publikum wie mit einer Lupe. Wir sehen genauer hin, erkennen mehr, weil wir Außenstehende sind. Kunst holt das Leben für uns ganz nah heran - und das leistet sie nur, weil sie sich auf das Wesentliche beschränkt. Nur, was zur Handlung beiträgt, wird beschrieben. Das Leben findet in der Kunst zwar nicht auf geraden, aber zumindest auf überschaubaren Wegen statt, mit einer begrenzten Anzahl von Möglichkeiten. Deshalb müssen diese Möglichkeiten vom Künstler idealtypisch ausgewählt werden. Die Landschaft auf einem Gemälde ist vielleicht nicht so, wie wir sie sehen würden, aber sie ist schön und beeindruckt uns. Sie regt zum Betrachten und Nachdenken an. Kunst ist nicht zweckfrei: sie will unterhalten und analysieren, aufrütteln und deutlich machen. Sie stößt uns mit der Nase auf Gegebenheiten, die wir vielleicht in unserem eigenen Leben wieder erkennen. Dann sind wir darauf vorbereitet, dass die Wirklichkeit nicht idealtypisch ist - aber sich manchmal auch zurechtbiegen lässt.