Sonntag, 13. November 2016

Zwischen Menschlichkeit und Ausgrenzung

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Wenn wir in diesen Tagen verständnislos auf die Vereinigten Staaten und ihr Wahlergebnis schauen, sind wir ignorant und selbstgerecht. Warum? Nicht, wie so viele meinen, wegen der menschenverachtenden Vergangenheit unseres Landes. Wir müssen nicht zurückschauen, es genügt, wenn wir uns selbst betrachten. Hat nicht jeder einen peinlichen Onkel, Vater, Cousin oder ähnlichen Verwandten, mit denen sie regelmäßig zusammentreffen? Beugen sich nicht viele in ihren eigenen Familien nahestehenden Menschen, von denen sie wissen, sie machen Schwierigkeiten, wenn sie nicht ihren Willen bekommen?
Ich bin Schriftsteller, kein Politiker. Deshalb schaue ich nicht auf sogenannte „Führer“, sondern auf die Menschen, denen ich tagtäglich begegne. Schon lange spüre ich dabei einen Rückzug vieler auf sich selbst, auf Werte, die Halt geben sollen und auf Familie. Es ist eine Suche nach etwas, das in der heutigen Zeit noch Bedeutung hat. Sie finden in der Gesellschaft keine Gemeinsamkeiten mehr, keinen Weg mit anderen, obwohl sie sich danach sehnen. Die Menschen beginnen wieder, populistischen Meinungsführern zu vertrauen - auch innerhalb ihrer sozialen Gruppen, wie zum Beispiel Familie und Freundeskreis. Es ist die passive Masse, die Führung im Privaten und in einem Gebilde wie dem Staat sucht.

Ein Blick in unsere persönliche Umgebung

Wir stehen gesellschaftlich wieder einmal an der Schwelle zwischen Menschlichkeit und Ausgrenzung, zwischen Freiheit und Gruppenzwang. Die Gesellschaft, wie wir sie seit Jahrzehnten kennen, stößt an ihre Grenze. Wir müssen uns entscheiden. Nichts anderes zeigt die Wahl in den Vereinigten Staaten. Die Bürger dort haben sich entschieden und sie vertrauen den einfachen Worten und Lösungen, die sie vermeintlich am wenigsten selbst betreffen. Letztlich haben sie für sich und gegen andere Menschen gestimmt.
Ich glaube nicht an einen solchen Weg. Ein Blick in unsere persönlich nächste Umgebung hilft auch hier, Klarheit zu gewinnen: Überall, wo Menschen ausgegrenzt oder in Verhaltensmuster gezwängt werden, entsteht Unfrieden. Familien, Vereine und Gruppen brechen über solches Verhalten auseinander. Jeder kennt vermutlich entsprechende Beispiele.

Nicht ein Wahltag zählt, sondern das eigene Verhalten an jedem Tag

Was wir also vor allem von der Wahl in den Vereinigten Staaten lernen können ist, in unserer eigenen kleinen Welt genauer hinzuschauen. Die Schwierigkeiten, die wir hier sehen, sind meist symptomatisch für das ganze Land. Setzen wir bei uns selbst, in unseren Familien und privaten Gruppen an, die Stimmung zu verändern, sprechen wir mit Freunden und Bekannten, von denen wir wissen, dass sie sich in ihrem Denken allmählich radikalisieren, schauen wir diesmal nicht weg, wenn Menschen neben uns aufgrund der Stimmung in unserem Land Schwierigkeiten haben.
Wir sollten nicht vergessen: Es ist die Verantwortung jedes Einzelnen, ob auch bei uns einfache Worte und populistische Lösungen in Zukunft eine Chance haben werden. Nicht nur an einem Wahltag, sondern bei jeder Handlung und in jedem Gespräch, angefangen in der eigenen Familie. Denn was wir dort akzeptieren und tolerieren, sind wir oft auch bereit, gesellschaftlich hinzunehmen oder sogar zu unterstützen.