Sonntag, 2. Juli 2017

Keine Ware, sondern Kunst

Ein neues Buch zu beginnen, ist wie eine unbekannte Insel oder einen neuen Planeten zu erforschen. Schriftsteller und Forscher wissen vielleicht ungefähr, was vor ihnen liegt, aber sie können nicht wirklich erahnen, was sie erleben und entdecken werden.
Das ist spannend und aufregend, aber auch ein wenig beängstigend. Auf jeden Fall ist es ein Wagnis, ein Buch zu schreiben, wie etwas neues zu erforschen. Mit jedem Wort tastet sich ein Autor weiter voran. Er weiß, wohin er möchte, kann den Weg aber noch nicht erkennen und muss manchen verschlungenen Pfad durchdringen, unter Umständen zurückgehen und neu beginnen, bevor er sein Ziel vielleicht irgendwann erreicht. Es kann sogar sein, dass er ganz überraschend irgendwo ankommt, womit er nie gerechnet hat. Ein Schriftsteller kann nicht planen, es geschieht ihm einfach, dass er schreibt und ein Buch veröffentlicht, von dem er nie gedacht hätte, dass er es eines Tages fertigstellt.

Ein guter Schriftsteller produziert keine Massenware

Für Leser ist die Entwicklung eines Autors manchmal schwer nachzuvollziehen. Sie wollen sich darauf verlassen können, dass ein Schreiber, der mit einem Thriller bekannt geworden ist, den nächsten Thriller in einem ähnlichen Stil schreibt. Leser möchten Verlässlichkeit. Aber gute Schriftsteller können diese Verlässlichkeit oft nicht bieten, weil sie sich ständig entwickeln und ihr Schreiben von einer einzigen Suche nach sich selbst und einem Verständnis von der Welt um sie her geprägt ist. Es ist nicht eindeutig, was sie schreiben, wie sie schreiben und das nächste Buch kann eine große Überraschung im Vergleich zum letzten sein. Das ist natürlich Stärke und Schwäche zugleich. Aber ein guter Schriftsteller produziert keine Massenware, er bleibt sich nicht unbedingt treu, sondern sucht nach einem immer neuen Ausdruck, nach neuen Worten und reagiert auf seine unstetige Umgebung. Es gibt kein Muster und keine Masche, denn das Buch eines guten Schriftstellers ist eben keine Ware, sondern Kunst.